Heribert Prantl und andere Männer, die das Internet nicht verstehen

Zu meinen liebsten Beispielen der Kategorie „Alte Männer, die das Internet nicht mehr verstehen“ gehört dieser ein Auszug aus einer „Kerner“-Sendung im September 2009 (Quelle: YouTube-Beitrag mittlerweile nicht mehr zugänglich):, in dem JBK und hochrangige Journalistengäste (u.a. Steffen Seibert, Wolf von Lojewski) verständnislos den gefakten Kerner-Twitter-Account betrachten und kopfschüttelnd über dessen Zweck rätseln; O-Ton Kerner: „Sowas braucht doch kein Mensch!“. (aktualisiert 20.01.2011)

Das ist noch witzig, aber der Spaß vergeht einem dann doch, wenn angesehene Medienexperten aus Journalismus und Wissenschaft die öffentliche, insbesondere politische Debatte prägen und dabei durchblicken lassen, dass Ihnen die mediale und kommunikative Dimension des Internets offenbar nicht klar ist. Ein aktuelles Beispiel gab es in dieser Woche: Ein Interview zu Google-Streetview mit Heribert Prantl in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3sat (ich verzichte auf eine Einbettung, da das Video wegen der absurden aktuellen Regulierung der öffentlich-rechtlichen Online-Angebote nicht dauerhaft online stehen wird).

Heribert Prantl bemüht sich zu behaupten, es sein ein qualitativer Unterschied, ob sein Haus in der Realität beobachtet und fotografiert werden kann oder ob es als „Panoramafoto“ in Steetview steht. Dem möchte man zustimmen, denn wer sich vor sein Haus stellt, kann es sicherlich sehr viel detaillierter und vor allem immer in Echtzeit inklusive ankommender und gehender Gäste beobachten – allerdings meint er es genau so natürlich nicht. Weshalb aber die Verfügbarkeit eines schnell veraltenden Bildes im Netz dramatischer sein soll als die dauerhafte Existenz und Sichtbarkeit seines Hauses in der Realität, beantwortet er nicht (oder nur mit allgemeinem Misstrauen gegenüber der Firma Google). Auf die Nachfrage der Journalistin zieht er sich bezeichnenderweise auf „ich glaube“-Formulierungen und die einfache Wiederholung der selben Behauptung in anderen Worten zurück – klassische rhetorische Verschleierungsstrategien in Ermangelung treffender Argumente.
Der Grund für dieses Unbehagen, das Heribert Prantl nicht richtig benennen kann, ist, dass er das Internet – wie viele Journalisten und auch die lustigen Herren aus obigem Video – aus einer klassischen Massenmedien-Perspektive heraus betrachtet: Hält man es nur für ein weiteres Medium wie die Zeitung oder das Fernsehen, kann man sich selbstverständlich darüber empören, dass – wie in Twitter – nur banale Alltagsäußerungen „publiziert“ werden, oder dass einfach so ein Bild meines Hauses darin „publiziert“ wird. Diese Perspektive wird sehr schön in dieser Aussage Prantls deutlich:

„Eine Fotografie klebt in einem Album, eine Fotografie ist an einem Tag in einer bestimmten Zeitung, aber hier ist man ubiquitär. Das macht es notwendig, dass der Staat agiert“.

„Die Medien“, so spricht hier der erfahrene und durchaus verdienstvolle Journalist, haben schließlich eine gesellschaftliche Aufgabe, sollen unabhängig sein, die Politik kontrollieren und der Demokratie dienen – Geschwätz und undurchsichtige Werbeformate wie Google-Streetview haben da nichts verloren.

Würde man das Netz nicht nur als ein neues neben einer Reihe alter, herkömmlicher Medien begreifen, sondern als „digitale Revolution“ auf einer Ebene zumindest mit der Entwicklung des Buchdrucks, könnte und sollte man einen anderen Blick auf das Netz entwicklen: Das Netz als ein digitales Parallel-Universum, in dem wir alle auch eine Existenz haben, die mal stärker, mal schwächer mit unserer physischen Welt verknüpft ist. Und diese Welt ist eben mehr als nur ein „öffentliches Medium“ wie das Fernsehen oder die Zeitung, es ist ein Universum im wahrsten Sinne des Wortes. Vieles, was an angeblich Überflüssigem oder unangemessen Ubiquitärem im Netz kritisiert wird, erscheint so in einem anderen Licht: Im Netz hat alles seinen berechtigten Platz, was in der Welt auch sonst zu unserem Leben gehört, inklusive des dummen Geschwätzes der Kollegen aus der Buchhaltung und der Tatsache, dass Passanten mein Haus sehen und den Namen auf meinem Klingelschild. Vielleicht sollte man den alten Begriff des „Cyberspace“ mal wieder abstauben – auch wenn er ursprünglich eher neue, zusätzliche Dimensionen der Realität beschrieben hat, ist die Raum-Metapher, die in ihm steckt, meiner Ansicht nach treffender und hilfreicher als die (oft unausgesprochenen) Medien-Metaphern, mit denen in den Netzpolitik-Diskursen heute meist operiert wird.

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