Meine Sicht auf das AMW-Problem

Wie bereits kurz angekündigt möchte ich an dieser Stelle meinen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Umbenennung des Ilmenauer Studiengangs „Angewandte Medienwissenschaft“ liefern. Eine Zusammenfassung bisheriger Argumente für eine Beibehaltung des Namens findet sich im Blog „Pornokratie“ von AMW-Alumni Jan Rechlitz sowie im E-Learning-2.0-Blog von TU-Mitarbeiter Marcel Kirchner.

Ich möchte meine Position zum Thema in Form einer sprachlich etwas zugespitzten, im Kern aber wahren Geschichte deutlich machen:

Es war einmal ein Medieninstitut an einer Universität, das in seiner inhaltlichen Ausrichtung seiner Zeit weit voraus war. Es setzte Maßstäbe und erarbeitete sich in kürzester Zeit durch seine innovative Forschung und die hervorragend ausgebildeten Absolventen einen sehr guten Ruf in Wissenschaft und Medienpraxis. Der Name es Instituts war neu, innovativ und erfasste den Gegenstand des Lehr- und Forschungsinteresses mit einer für akademische Einrichtungen ungekannten Prägnanz.

Im Laufe der Zeit wuchs das Fach und weitere ähnliche Institute an anderen Universitäten kamen hinzu, aber keines wagte sich an eine ähnlich innovative Namensgebung, was unserer Einrichtung eine besondere Stellung in der Runde der Institute gab. Der Name, der im Laufe der Zeit eine gewisse Patina ansetzte, veränderte seinen Charakter von einer frischen Innovation langsam in Richtung ehrfuchtgebietender Tradition, was dazu führte, dass auch die Professoren und Mitarbeiter einen gewissen Stolz und eine Verpflichtung gegenüber ihrem Namen entwickelten.

Nach einigen Jahrzehnten wurde immer deutlicher, dass sich die Medienwelt um das Institut herum so deutlich gewandelt hatte, dass dessen Name nicht mehr das völlig veränderte Forschungsfeld beschreiben konnte. Junge Menschen auf der Suche nach einer akademischen Heimat stellten in Studienberatungen und Vorstellungsrunden immer wieder die Frage nach der Bedeutung des seltsamen Namens und nach dem Zusammenhang mit dem angeblichen Forschungsfeld des Instituts; Kollegen von anderen Instituten fingen an, sich über den altertümlichen Namen lustig zu machen. In dieser Zeit entwickelten die Mitarbeiter des Instituts einen geradezu missionarischen Eifer darin zu begründen, warum der so traditionsreiche Name eigentlich trotz aller Veränderungen der Welt doch immer noch die beste aller Möglichkeiten zur Beschreibung des Faches sei.

Allerdings veränderte sich auch das Publikum am Institut mit der Zeit: Nach und nach kamen junge Kolleginnen und Kollegen hinzu, denen die Geschichte des Instituts nur noch vage bekannt war, oder auch Professoren von anderen Universitäten und Instituten, deren nüchterne Außenperspektive es ihnen schwer machte, sich den Institutsnamen so zu eigen zu machen wie es die alten Mitarbeiter getan hatten. Nicht nur von außen sondern auch mehr und mehr aus dem Institut heraus wurde nun auf eine Namensänderung gedrängt; allein, gegen den Widerstand der letzten Aufrechten der alten Zeit konnte bis zuletzt niemand etwas ausrichten. Erst als fast siebzig Jahre nach der Gründung der allerletzte alte Fürst seinen Stuhl geräumt hatte, konnte der alte Name abgelegt werden und das Institut auch namentlich wieder dahin zurückkehren, wo es immer hingehört hatte: in die Mitte der bedeutendsten Institute des Fachs.

Wer möchte, kann gerne raten (Kommentarfeld), um welches Institut mit welchem alten und neuen Namen es hier geht; einige kennen es sicher. Die eigentliche Frage ist, an welchem Punkt dieser Entwicklung der Studiengang AMW gerade steht und wie weit wir ihn noch treiben wollen (und: wer von uns in einigen Jahrzehnten dieser Letzte sein wird, auf dessen Ausscheiden dann alle warten werden, um endlich nach all den verlorenen Jahren neu anfangen zu können).

Advertisements

11 Gedanken zu „Meine Sicht auf das AMW-Problem

  1. Hier eine kleine Ergänzung zu meiner Argumentation, die vielleicht noch einmal deutlicher macht, welchen Charakter die Entwicklung hat, der wir uns entgegenstemmen, wenn wir an der Bezeichnung der „Angewandten Medienwissenschaft“ festhalten (problematisch daran ist natürlich nicht das „angewandte“, sondern das „Medien-“ vor der Wissenschaft).
    Meiner Ansicht nach handelt es sich eben nicht allein um eine Frage der internen Abwägung, welche „Reputation“ uns wichtiger ist: die innerhalb des „Elfenbeinturms“ (der eine Umbennenung vermeintlich nützen würde) oder die in der großen realen Medienwelt (der eine Umbenennung schaden würde). Denn es gibt gesellschaftliche Entwicklungen, die wir nicht beeinflussen können und die mit mehr zu tun haben als nur mit „Reputation“ unseres Studiengangs; Entwicklungen, die über Institut und Studiengang hinweggehen werden und uns am Ende ebenso als zurückgebliebene Realitätsverweigerer dastehen lässt wie das Institut in meiner Geschichte – und zwar nicht nur in der winzigen Wissenschaftscommunity.
    Diese Trends hat der Wissenschaftsrat in seinem mittlerweile auch schon wieder drei Jahre alten Gutachten (www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/7901-07.pdf) benannt. Dabei kritisiert er deutlich die allenthalben existierenden halbseidenen Misch-Angebote, die „irgendwas mit Medien“ im Titel haben. Er fordert ganz deutlich, klare Profile zu entwickeln, um Studieninteressierte, Journalisten, Beratungssuchende nicht mit unklaren Bezeichnungen an der Nase herumzuführen. Hier ein Zitat von S. 86 unten: „Mittlerweile haben sich indes Kommunikationswissenschaft, kulturwissenschaftliche Medialitätsforschung und Medientechnologie systematisch so weiterentwickelt, dass auf der Ebene der Studiengänge – anders als im Bereich der Forschung – eine klare Gliederung des Feldes in drei Studiengangstypen deutlich zu bevorzugen ist“. Das ist etwas, das wir inhaltlich durch die unsere sozial- und damit kommunikationswissenschaftliche Ausrichtung ja eigentlich vorbildlich tun – und gleichzeitig dadurch ad Absurdum führen, dass wir nach außen das Etikett der „kulturwissenschaftliche Medialitätsforschung“ draufkleben. Und das hat sich auch nicht erst im Laufe der Zeit entwickelt, sondern war bereits zur Gründung des Studiengangs 1996 ein Fehler (der reiner Unkenntnis und keinerlei inhaltlicher Überlegung entsprang).
    Nicht nur von Seiten des Wissenschaftsrates (der nicht nur die Privatmeinung von ein paar weltfremden Wissenschaftlern repräsentiert, sondern die maßgebliche wissenschaftspolitische Instition dieses Landes ist), sondern auch von Seiten der Fachgesellschaften, der Studieninteressierten und anderen gesellschaftlichen Akteuren wird der – sachlich gut begründbare – Druck auf eine sachgerechte Namensgebung weiter zunehmen (die Reputation bei den Fachkollegen ist dabei das geringste Problem); alles, was wir dagegen tun können, sind reine Rückzugsgefechte, die wir nicht gewinnen können. Ich glaube, dass wir unsere Kräfte sinnvoller darauf verwenden sollten, eine positive, zukunftsoffene Benennung (und inhaltliche Ausgestaltung) unserer Studiengänge zu entwickeln, statt längst verlorene Schlachten zu kämpfen – auch wenn ich natürlich verstehe, dass unsere Alumni auch emotional sehr an „AMW“ hängen.

  2. @Patricia Entscheidend für eine Namensänderung sollte doch eher sein, ob es praktisch ein klassischer Studiengang Kommunikationswissenschaft IST und nicht ob das zu Beginn jemand sagt! Wenn sich in den letzten 2 Jahren nichts gravierendes geändert hat würde ich das verneinen. Ich kenne Kommunikationswissenschaftler die in Berlin, Jena, Hamburg, Köln, München etc studiert haben. Da gab es zwar inhaltliche Überschneidungen, aber keiner von denen war annähernd so weit (und breit) an der „Mediepraxis“ wie wir in Ilmenau. Ganz klar: Wenn überhaupt eine Namensänderung, dann sicher nicht in „Kommunikationswissenschaft“.

    • Die Änderung soll ja auch in Angewandte Medien- und Kommunikationswissenschaften. Somit wäre es durch die genannten überschneidungen doch sinnvoll.

  3. Ich bin für Veränderung! Die sollte aber inhaltlich sein. Etiketten zu wechseln bringt hier wenig. Ich halte die Identifikation der Alumni mit dem IfMK für eine zentrale strategische Ressource. Sie kann mit einer Umbenennung durchaus gefährdet werden. Probleme mit Neueinschreibern gibt es bislang trotz „AMW“ nicht – das Gegenteil trifft zu … und es wird wohl bis auf weiteres so bleiben.
    Sollte es tatsächlich Reputationsprobleme im Fach (also bei KollegInnen) geben – bei Studierenden gibt es die nachweisbar nicht – dann werden die nicht durch Etikettenwechsel gelöst. Innovativ forschen, publizieren, (inter)nationales Engagement und institutsübergreifende Zusammenarbeit sind hier die effektiveren „Instrumente“ – ohne dabei Identifikationsverluste intern und bei Alumni zu riskieren.

    • Das „Fach“, zumindest wenn man sich die schriftliche Manifestation der DGPuK anschaut, stellt sich ja selbst als durchaus ambivalent dar und nennt sich zunächst einmal „Kommunikations- und Medienwissenschaft“. Es gelingt diesem Fach dann nicht in seinem eigenen Selbstverständnis den Gegenstand griffiger als „irgendwas mit Medien“ zu definieren, der mit allen Methoden (auch hermeneutischen) untersucht wird. Über genuine kommunikationswissenschaftliche theoretische Perspektiven wird sich komplett ausgeschwiegen. Die Fach-KollegInnen sollten sich vielleicht mehr Selbstreflexion abringen, bevor sie den Namen eines Studiengangs dissen. Meines Erachtens ist die deutsche Kommunikationswissenschaft mit Verlaub ein wenig zu selbstbezogen und man erinnere sich an letztes Jahr: Es gelingt der DGPuK ja auch nicht, ihren eigenen, von vielen Mitgliedern als angestaubt betrachteten Namen abzulegen. Das „Fach“ würde ich in aller Bescheidenheit nicht allzu ernst nehmen. Die armen echten „Medienwissenschaftler“ tun mir allerdings ein wenig leid!

  4. Pingback: Ein Plädoyer für AMW

  5. Lieber Martin,
    vielen Dank für Deinen wertvollen Beitrag, denn mit Deiner jahrelangen Erfahrung und auch Innensicht hier am IfMK bringst Du dadurch eine ganz neue Perspektive und interessante Argumente in die Diskussion!

    Ich empfinde den Beitrag vor allem als eine Art „Warnsignal“, dass man sich gerade im Forschungs- (und natürlich auch Berufs-)feld von Medien und Kommunikation ständig weiterentwickeln muss, um aktuellen Entwicklungen gerecht zu werden. Gleichzeitig beschleicht mich beim Lesen aber auch immer wieder das Gefühl, dass wir uns als Wissenschaftler gerne in den so genannten „Elfenbeinturm“ zurückziehen, der uns zwar in den Fachcommunities viel Lob und Ehre einbringen aber auch schnell zur Entfremdung von der Medienpraxis führen kann.

    Deshalb stellt sich mir oft die Frage, ob uns bei unseren Lehrinhalten und dem damit verbundenen Studiengangsnamen die Reputation in der Community wichtiger ist oder die breit gefächerten Berufschancen unserer Studierenden.

    Ich denke daher, wenn es um aktuelle Forschungsorientierung geht, sollten wir völlig richtig mit dem Instituts-Namen vorangehen, der ja nicht umsonst „Medien und Kommunikationswissenschaft“ heißt. Aber wenn es um praxisnahe Lehre geht sollten wir uns nicht der offensichtlich positiven Signalwirkung unserer Studiengangsbezeichnung bei Studieninteressierten und Absolventen berauben. Das soll natürlich keinesfalls die enge Verzahnung von Forschung und Lehre ausschließen! Aber ich sehe die Lehrinhalte gerade bei uns in Ilmenau auch immer als die direkte „Schnittstelle“ zur Praxis, deren Kompetenzen wir ja den Studierenden immer wieder vermitteln wollen und für die der Studiengangsname letztlich auch stehen sollte. Das ist meine Sicht auf die Dinge.

    Ich freue mich auf weitere spannende Diskussionen!
    Beste Grüße
    Marcel

  6. Ich tippe auf das alte „Institut für Rundfunk und Fernsehen“ oder dem heutigen „Hans-Bredow-Institut für Medienforschung“ in Hamburg.

    • Interessant, aber nicht richtig; das HBI ist zwar eins der Institute, die sich umbenannt haben – in diesem Fall übrigens eher mit Reputationsgewinn statt -verlust – oben geht es aber um ein anderes (Uni-)Institut.

      • Da uns bereits zu Anfang unseres ersten Semesters gesagt wurde: „Ihr Studiengang heißt zwar AMW aber Sie studieren eigentlich Kommunikationswissenschaften!“ fände ich eine Umbenennung nur sinnvoll!

  7. Pingback: Über meine Absolventenrede an der TU Ilmenau und über AMW-Reputation | PorNoKratie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s