Alte Männer (& Frauen), die das Internet nicht verstehen, Folge 3

Eigentlich muss man wenig zu dieser Diskussion in der Bundespressekonferenz sagen, alleine die erste Frage des dadp-Korrespondenten, in kaum verhüllter Empörung vorgetragen, sagt fast alles: „Muss ich mir jetzt in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Kanzlerin informiert zu werden?“

Ergänzung 4.07.2011: Da der Beitrag bei YouTube mittlerweile gelöscht ist, hier der Link auf das Transkript bei Carta

Die Antwort lautet natürlich „Nein“, denn unter http://www.twitter.com/RegSprecher kann erstens jeder auch ohne Account die Tweets des Regierungssprechers lesen und zweitens verteilt die Bundesregierung, wie Christoph Steegmans beteuert, auch weiterhin solche Informationen über alle anderen in der Pressearbeit üblichen Wege – wenn auch nicht immer über alle zur gleichen Zeit. Die Ruhe und Zurückhaltung des stellvertretenden Regierungssprechers ist beeindruckend angesichts den Fragen, die zum Teil an Wirrheit und Ahnungslosigkeit nicht zu überbieten sind, etwa die nach der Sicherheit des Accounts (mit nicht nachvollziehbaren Verknüpfungen mit Privatsphäre, Bewegungsprofilen etc.): Hier offenbart sich die Grundhaltung, dass das Internet eigentlich nur gefährlich ist und man davon besser die Finger lässt.

Für die Hauptstadtjournalisten ist es offensichtlich ein schwerer Schock, dass plötzlich tausende normaler Menschen (gut 16.000 Follower Ende März) Neuigkeiten aus der Bundesregierung unter Umständen früher erfahren als sie selbst – der Hinweis des Sprechers, es könne ja jederzeit noch telefonisch validiert und nachgefragt werden, kann man ironisch lesen, wenn man will. Aber deutlich wird in dieser Diskussion interessanterweise auch, wie das Kommunikationsmanagement im politischen Berlin funktioniert, wie viele selbst relativ normaler Informationen wie Reisetermine über individuelle Kontakte verteilt werden und sich einzelne Journalisten hier Vorsprünge verschaffen können. Offenbar wird dieses System von der Regierung auch gezielt kultiviert.

Vor diesem Hintergrund ist die verstärkte Nutzung neuer Kommunikationsmittel ein weiterer Schritt hin zu einer Demokratisierung von politischer Information: Es entscheidet jeder Kommunikationspartner – und eben auch der ganz normale Bürger – völlig frei, wie schnell und umfassend er worüber informiert werden will und eben nicht mehr ein Informationsmonopol-Inhaber, der nach eigenem Belieben Informationen verteilt und über individuelle Beziehungspflege organisiert. Am besten informiert ist nicht mehr der, der die Handynummer der wichtigsten Politiker kennt und weiß, wann er sie in welcher Kneipe antreffen kann, sondern derjenige, der die richtigen Netzquellen kennt und mit den entsprechenden Tools für deren effektive Nutzung umgehen kann.

Die Herausforderung, die das für den Journalismus bedeutet – nämlich eine neue Rolle für die Post-Gatekeeper-Ära zu finden und auszufüllen – ist aber offenbar immer noch nicht angekommen. Die Debatte in der BPK offenbart im Gegenteil eher die alten Reflexe, die lieber alles beim alten belassen wollen und das Internet mit seinen neuen Optionen als Zumutung betrachten.

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Ein Gedanke zu „Alte Männer (& Frauen), die das Internet nicht verstehen, Folge 3

  1. ergänzung zum letzten absatz: eine mögliche rolle für den (internet)journalismus der ‚post-gatekeeper-ära‘ hat u.a. axel bruns bereit gut beschrieben. er nennt den wandel ‚vom gatekeeping zum gatewatching‘. als preprint ist sein aufsatz lesbar unter: snurb.info/files/2008_DFG_Vom%20Gatekeeping%20zum%20Gatewatching_preprint.pdf (auch auf papier: d-nb.info/987522809 ab s. 107)

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