Wie geht’s der deutschen Online-Forschung?

Die Pressemeldung vom 11.07. über die ersten konkreten Schritte von Googles Institut für Internet und Gesellschaft hat für einige Kritik am Zustand der deutschen akademischen Online-Forschung geführt, insbesondere von Philip Banse im DLF und auf seinem Blog. Als akademischer Online-Forscher möchte ich da ein paar Argumente hinzufügen:

1. Die PR, die Google betreibt, mag den Eindruck erwecken, bisher habe es in Deutschland keine nennenswerte Online-Forschung gegeben. Das ist so aber natürlich nicht richtig. Gerade in den letzten Jahren sind hier eine ganze Reihe international konkurrenzfähiger Projektzusammenhänge entstanden, hinter denen z.B. die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit Millionenbeträgen steht:

  • So hat die DFG im Februar 2011 eine mit 2,4 Mio € ausgestattete Forschergruppe bewilligt, die von Gerhard Vowe in Düsseldorf geleitet wird und sich mit „Politischer Kommunikation in der Online-Welt“ beschäftigt (hier der Link zur PDF-Pressemitteilung).
  • Seit Ende 2010 läuft das ebenfalls von der DFG geförderte Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ unter der Leitung von Friedrich Krotz in Bremen, das einen ähnlichen Förderumfang hat.
  • Eine Ebene darunter als Kombination von Einzelprojekten finden sich ebenfalls zahlreiche aufwändige und hochwertige Untersuchungen, etwas die vier Projekte zu „Politischer Online-Kommunikation“ von 2000 bis 2009 an der TU Ilmenau und der HHU Düsseldorf im Umfang von ca. 400 T €, an denen ich selbst beteiligt war (und dessen Ergebnisse in ca. 4 Wochen in diesem Buch nachzulesen sein werden).

Und das sind nur a) einige ausgewählte b) medien- und kommunikationswissenschaftlichen Projekte, die c) von der DFG gefördert werden. Forschung gibt es darüber hinaus auch im Rahmen von EU-Projekten, über Projektförderungen durch private Stiftungen oder gar andere Unternehmen (die Telekom ist da z.T. auch ganz rührig). Und es wird natürlich in vielen anderen Wissenschaftsfeldern gefördert, die ebenfalls im Fokus des Google-Instituts liegen – Informatik, Ingenieurswissenschaften, Medienrecht – die aber außerhalb meines Erfahrungsbereichs liegen.

2. Ich würde die allgemeine Kritik ein wenig konkreter auf die vom Google-Institut benannten Forschungsgegenstände richten: Genannt werden auf der Homepage „Internet Innovation, Internet Regulierung, Informations- und Medienrecht sowie Fragen des Verfassungsrechts im Internet„. Diese Perspektive orientiert sich an der Oberfläche der Probleme, die gerade politisch diskutiert werden, insbesondere die technische und ökonomische Entwicklung, die rechtlichen Probleme und die sich daraus ergebenden Regulierungsanforderungen. Ähnlich sieht es auch bei der Enquete-Kommission des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“ aus: Bei beiden fehlt im Wesentlichen eine sozialwissenschaftliche Perspektive, die sich mit der Frage der Aneignung und Nutzung digitaler Medien beschäftigt, mit Erklärungen, WARUM bestimmte Innovationen erfolgreich sind und andere nicht, mit der Frage, WESHALB fundamentale Rechtsprinzipien so dramatisch an Bindungskraft verlieren etc. Beide – das Google-Institut wie die Enquete-Kommission – machen damit den zweiten Schritt vor dem ersten: Ohne fundamentale Analyse und Erklärung der beobachteten Phänomene sollen sofort Regulierungs- und Geschäftsmodelle entwickelt und diskutiert werden.

Daraus lässt sich der zentrale Vorwurf an die entsprechenden Wissenschaften formulieren: Sie haben es bisher nicht geschafft, diese Fragen bis in die Zentren der Entscheidung – der politischen, wie dem Bundestag, sowie der wirtschaftlichen, wie etwa Google und ähnliche Konzerne – zu kommunizieren. Obwohl es in diesem Bereich natürlich auch mehr oder weniger organisierte Akteure gibt, die zumindest ansatzweise versuchen, Forschung und die Interessen der beteiligten Forscher zu bündeln, etwa:

Auch das ist nur eine willkürliche Auswahl aus dem Bereich der Sozialwissenschaften; über die Frage, warum es diese Akteure nicht schaffen, mit ihrer Forschung und ihren Ergebnissen mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen, kann man sicher ausführlich diskutieren.  Es mag z.T. tatsächlich an einer fehlenden zentralen Institution liegen, die die Forschung bündelt; es liegt sicher z.T. auch daran, dass ich als Forscher angesichts stetig schrumpfender Etats an der Universität bei gleichzeitig steigenden Studentenzahlen immer weniger Zeit für klassische PR habe; ich bin schon froh, wenn ich immer wieder Gelder akquirieren kann und anschließend die geforderten Berichte und wissenschaftlichen Publikationen zusammenbekomme.

3. Die Argumente, die gegen eine Unabhängigkeit des Google-Instituts sprechen, sind natürlich nicht so einfach vom Tisch zu wischen; gerade die seit langem aus dem Journalismus bekannte, unbewusste „Schere im Kopf“ lässt sich nicht so einfach durch Verträge ausschalten. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, dass es höchste Zeit ist, dass die Konzerne, die Milliarden an den Nutzern der Online-Medien verdienen, auch etwas von diesem Geld in die Forschung investieren. Hier ließe sich aber sicher  über die Organisation dieser Forschungsförderung diskutieren; Stiftungsmodelle oder Organisationen mit Mischfinanzierung sind hier erprobte Modelle, die in Googles Institut mittelfristig eingesetzt werden sollten. Am Ende wird sich die Arbeit des neuen Instituts aber auf alle Fälle an den Ergebnissen messen lassen müssen; Millionen an Anschubfinanzierung garantieren noch nicht wissenschaftlich belastbare und gesellschaftlich relevante Erkenntnisse.

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7 Gedanken zu „Wie geht’s der deutschen Online-Forschung?

  1. Pingback: Wissenschaftler ins Netz | Homo Politicus

  2. Pingback: Webscheue Wissenschaftler

  3. Mich haben die Berichterstattung über das Goggle-Institut und die dortige Behauptung, es gebe keine Internetforschung, auch gewundert, aber so dramatisch ist die Sache nicht. Ihr wisst doch, dass öffentliche Diskurse (und nicht nur die) stark von Labels geprägt sind. Wir Kommunikationswissenschaftler machen zwar Onlineforschung, nennen das Ganze aber halt nicht Internetforschung, sondern z.B. CvK oder – noch schlimmer – pappen oben das Theorie-/Konzeptlabel drauf, z.B. Agenda-Setting oder Nachrichtenqualität, und untersuchen das Ganze dann fürs/im Internet (Beides machen meine Mitarbeiter in DFG-Projekten in Ilmenau). Damit wird es für Journalisten und Laien quasi unsichtbar. Das bringt mich zu Michael Scharkows Punkt: Eine DFG-Finanzierung kriegt man nur für Grundlagenforschung (Grund: wiss. Peer-Review). Folge: Das was Google wissen will, z.B. „Wie optimiert man die Google-Trefferliste“, kriegt man so nicht finanziert. Wir müssen uns als Wissenschaftler einfach drauf einstellen, auf zwei Märkten zu agieren: Dem Wissenschafts- und dem Praxismarkt. Und wenn Ihr Euch wundert, warum man von manchen Professoren in der Wissenschaft so arg wenig mitkriegt: Die tanzen auf der Praxis-Hochzeit (in irgendeiner Nische). Beide Märkte kann man als Wissenschaftler nicht gut bedienen.

  4. Um dein Argument mit dem ersten und zweiten Schritt noch weiter zu treiben: Das eigentlich frustrierende an dieser Gründung ist doch, dass offenbar von keiner Seite ein echtes Interesse an empirischer Grundlagenforschung besteht. Google sitzt auf einem Schatz von Daten mit denen man wirklich relevante Fragen zur Nutzung von Online-Kommunikation beantworten könnte. Statt diese über ein entsprechendes Abkommen o.ä. mit der DFG in irgendeiner Form wissenschaftlich zugänglich zu machen (was sicher billiger als 4,5 Mio. wäre) und damit hunderte interessante Forschungsarbeiten zu unterstützen, wird hier ein Institut gegründet, mit dessen Anschubfinanzierung ohnehin nicht mehr als ein paar Doktoranden, die ein wenig „Desk Research“ machen, nebst netter Empfänge und Symposien drin sind. Insofern sorge ich mich eher um die Relevanz der Forschung als deren Unabhängigkeit.

  5. Einer wurde vergessen, der die Soziologie des Internets schon seit 1999 erforscht und sich seit einigen Jahren massiv für diese Thematik einsetzt: Stephan Humer (www.internetsoziologie.de) – seine Ergebnisse finden vielfach Anklang und er findet auch immer wieder Stellen, die ihm seine Arbeit ermöglichen. Aber, so seine These, die Gesellschaft findet Technik schöner als die sozialwissenschaftliche Analyse derselben. Da ist wohl was dran.

  6. Pingback: Schmidt mit Dete » Kurz zum neuen Institut für Internet und Gesellschaft

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