„Die Einleitung schreibe ich ganz zum Schluss!“

… ist eine oft gehörte Strategie und auch ein oft gelesener Tipp in der einschlägigen Ratgeber-Literatur. Auch der anonyme Ghostwriter im kürzlichen ZEIT-online-Interview hat seine Arbeitsweise so beschrieben. Warum das sinnvoll sein kann, warum ich aber gerade Studierenden dringend davon abrate, möchte ich mal kurz darlegen:

Für die Strategie spricht, dass sich durch eine Formulierung der Einleitung am Schluss – also vor dem Hintergrund einer schon fertiggestellten Arbeit – der ganze Text gut in eine schlüssige Gesamtform bringen lässt; man kann in der Einleitung dann sehr genau das ankündigen, was am Ende auch wirklich im Text passiert. Da die Erfahrung zeigt, dass sich eine wissenschaftliche Arbeit im Zeitverlauf IMMER stark verändert und weiterentwickelt, geht das nicht so gut, wenn man die Einleitung am Anfang schreibt – und sie dann auch nie wieder anfassen würde. Allerdings ist das sowieso unrealistisch: Jede/r, der/die schon einmal eine solche Arbeit geschrieben hat, und sei es erst eine im ersten Semester, weiß natürlich, dass im Laufe der Arbeit daran viele Überarbeitungs- und Anpassungsschritte aufeinander folgen, die selbstverständlich auch immer eine Einleitung mit einbeziehen.

Selbst wenn man – in Kenntnis der Tatsache, dass die Einleitung, wenn man sie denn am Anfang schriebe, sich sowieso noch stark verändern würde – vollständig auf den Entwurf eines solchen Einleitungstextes verzichten würde, müsste man trotzdem eines auf alle Fälle erledigen: die Formulierung einer klaren Forschungsfrage, die es mit einer solchen Arbeit zu beantworten gilt. Und wer mich aus einer Lehrveranstaltung kennt, weiß, was ich mit Forschungsfrage meine: Einen Satz, der am besten mit mit einem W-Wort beginnt („Wer“, „Was“, „Wie“, „Welche …“, „Warum“, Ausnahmen natürlich möglich) und mit einem Fragezeichen endet – also eine echte Frage im Sinne der deutschen Grammatik. Sätze wie „Ich will mich mit X beschäftigen“ oder „Es soll das Phänomen Y untersucht werden“ sind KEINE ausreichenden Forschungsfragen, weil sie viel zu wenig eingrenzen und benennen, was am Ende herauskommen soll.

Und genau hier liegt das Problem im Zusammenhang mit der Frage, ob man am Anfang der Beschäftigung mit einem Thema den Aufwand einer ca. zweiseitigen Einleitung betreiben sollte. Denn wo diese Strategie für den erfahrenen Wissenschaftler oder Ghostwriter zeitsparend sein mag, führt das meiner mittlerweile langjährigen Erfahrung nach gerade bei unerfahrenen Autoren (dazu gehören Studierende während des Großteils ihres Studiums) dazu, dass damit zu oft die ausreichende Auseinandersetzung mit dem Ziel der Arbeit unterbleibt. Forschungsfragen bleiben zu oberflächlich und allgemein wie die oben beschriebenen, es wird nicht klar, wo genau das Problem liegt, warum die gewählten Theorien und das methodische Vorgehen für sinnvoll gehalten werden etc. Das sind genau die häufigen Probleme studentischer Arbeiten, die auch der zitierte anonyme Ghostwriter nennt. Und deshalb rate ich allen Autoren wissenschaftlicher Arbeiten, sich zu Beginn der Textproduktion doch zumindest an die Rohfassung einer Einleitung zu setzen, die folgende drei Elemente enthält:

1. Eine Begründung der Relevanz des (allgemeinen) Themas und AUCH der konkreten Fragestellung. Autoren sollten versuchen, potenziellen Lesern und damit auch sich selbst erst einmal klar zu machen, warum der Gegenstand eine wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigt („es ist interessant“ ist zu subjektiv und deswegen nicht ausreichend). „Gegenstand“ heißt dabei „konkrete Forschungsfrage“; sehr oft lese ich zwei Seiten dazu, warum das Internet wichtig für unsere Gesellschaft ist, um dann übergangslos eine Forschungsfrage präsentiert zu bekommen wie „… deshalb soll hier untersucht werden, weshalb Blog-Autoren das Thema X intensiver behandeln als Thema Y“ – da besteht eine riesige Argumentationslücke zwischen „Internet ist wichtig“ und „Analyse der Themen in der Blogosphäre ist wichtig“.

2. Eine klare ForschungsFRAGE, die den oben beschriebenen Kriterien entspricht; kein allgemeines Thema „… soll die Berichterstattung über X untersucht werden“, sondern eine klare Frage, auf die am Ende eine klare Antwort gegeben werden kann, z.B. “ …welche Nachrichtenfaktoren prägen die Berichterstattung über die Themen X und Y?“

3. Die Offenlegung des geplanten Vorgehens, also auf welche theoretische Basis bezieht sich der Autor/die Autorin, soll nur theoretisch oder auch empirisch vorgegangen werden, welche Methoden sollen eingesetzt werden?

Die Grundstrategie sollte also sein: Beschäftigen Sie sich zu Beginn intensiv mit der Relevanz des Themas, mit der konkreten Zielrichtung Ihrer Fragestellung und damit, wie man die Fragestellung am sinnvollsten beantworten kann. Wenn Sie Ihre Gedanken dazu zu Papier bringen, haben Sie die Einleitung praktisch schon geschrieben. Dass das Ganze unterwegs sicher noch häufiger angepasst wird (auch Forschungsfragen können sich durchaus noch ändern) und am Ende natürlich nochmal in Form gebracht wird (z.B. durch ein aktuelles Beispiel zum Einstieg), ist selbstverständlich, sollte aber keinesfalls eine intensive Auseinandersetzung am Anfang verhindern!

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2 Gedanken zu „„Die Einleitung schreibe ich ganz zum Schluss!“

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  2. Pingback: Dinge, die ich in Abschlussarbeiten ungern lese (1): Die Relevanzbegründungs-Klippe « mjemmer's Blog

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