Hurra, „Bürger online“ ist raus!

Kaum zu glauben, aber wahr: Zehn Jahre Arbeit haben ihren (vorläufigen) Abschluss gefunden. Seit heute ist unser Buch „Bürger online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland“, über das ich hier schon ein wenig geschrieben habe, nun endlich für jedermann erhältlich. Informationen dazu gibt es auf der Website zum Buch http://www.buerger-online.net. Damit ist jetzt auch erstmals die gesamte Breite der erhobenen Daten zur politischen Online- und Offline-Kommunikation der Deutschen aus dem Zeitraum von 2002-2009 zugänglich – Daten, die in unseren bisherigen Publikationen meist nur sehr selektiv und komprimiert präsentiert werden konnten.

Ohne uns als Autoren selbst zu sehr loben zu wollen muss ich doch feststellen, dass mir keine andere Untersuchung bekannt ist (nicht in Deutschland oder auch sonstwo), die die Veränderung von Mediennutzung, politischer Kommunikation und Partizipation durch das Internet in einer vergleichbaren Breite, über einen so langen Zeitraum und mit diesem methodischen Aufwand beschrieben und analysiert hätte. Das heißt natürlich nicht, dass unsere Arbeit, wie letztlich jede wissenschaftliche Untersuchung, nicht ihre Grenzen und Schwächen hätte; aber darüber ließe sich sicher am besten mit Lesern des Buches diskutieren. Darauf freuen wir – Gerhard Vowe, Jens Wolling und ich – uns selbstverständlich schon!

Impulskäufer können das Buch sofort direkt über den UVK-Verlag (ggf. mit Autorenrabatt) oder auch über den normalen Buchhandel (z.B. bei Amazon) ordern.

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Das Buch ist angekommen!

Buch "Bürger online"Ah, gestern kam Post von der Verlagsdruckerei an: Das Buch ist da – zumindest bei uns, in den nächsten Tagen dann auch offiziell im Buchhandel! Weitere Infos zum Werk gibt es auf auf der Website zum Buch: http://www.buerger-online.net

DFG-Forschergruppen-Website online

Gewissermaßen als Antwort auf die Debatte der letzten Tage um die Online-Aktivitäten der deutschen Online-Forscher (bzw. deren Sichtbarkeit) ging gerade die Website der in diesem Frühjahr bewilligten DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ online: http://www.fgpk.de. Dort finden sich umfangreiche Informationen zu den daran beteiligten Projekten, aber auch Links auf andere Datenquellen und Entwicklungen im Bereich der politischen Online-Kommunikation.

Wie geht’s der deutschen Online-Forschung?

Die Pressemeldung vom 11.07. über die ersten konkreten Schritte von Googles Institut für Internet und Gesellschaft hat für einige Kritik am Zustand der deutschen akademischen Online-Forschung geführt, insbesondere von Philip Banse im DLF und auf seinem Blog. Als akademischer Online-Forscher möchte ich da ein paar Argumente hinzufügen:

1. Die PR, die Google betreibt, mag den Eindruck erwecken, bisher habe es in Deutschland keine nennenswerte Online-Forschung gegeben. Das ist so aber natürlich nicht richtig. Gerade in den letzten Jahren sind hier eine ganze Reihe international konkurrenzfähiger Projektzusammenhänge entstanden, hinter denen z.B. die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit Millionenbeträgen steht:

  • So hat die DFG im Februar 2011 eine mit 2,4 Mio € ausgestattete Forschergruppe bewilligt, die von Gerhard Vowe in Düsseldorf geleitet wird und sich mit „Politischer Kommunikation in der Online-Welt“ beschäftigt (hier der Link zur PDF-Pressemitteilung).
  • Seit Ende 2010 läuft das ebenfalls von der DFG geförderte Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ unter der Leitung von Friedrich Krotz in Bremen, das einen ähnlichen Förderumfang hat.
  • Eine Ebene darunter als Kombination von Einzelprojekten finden sich ebenfalls zahlreiche aufwändige und hochwertige Untersuchungen, etwas die vier Projekte zu „Politischer Online-Kommunikation“ von 2000 bis 2009 an der TU Ilmenau und der HHU Düsseldorf im Umfang von ca. 400 T €, an denen ich selbst beteiligt war (und dessen Ergebnisse in ca. 4 Wochen in diesem Buch nachzulesen sein werden).

Und das sind nur a) einige ausgewählte b) medien- und kommunikationswissenschaftlichen Projekte, die c) von der DFG gefördert werden. Forschung gibt es darüber hinaus auch im Rahmen von EU-Projekten, über Projektförderungen durch private Stiftungen oder gar andere Unternehmen (die Telekom ist da z.T. auch ganz rührig). Und es wird natürlich in vielen anderen Wissenschaftsfeldern gefördert, die ebenfalls im Fokus des Google-Instituts liegen – Informatik, Ingenieurswissenschaften, Medienrecht – die aber außerhalb meines Erfahrungsbereichs liegen.

2. Ich würde die allgemeine Kritik ein wenig konkreter auf die vom Google-Institut benannten Forschungsgegenstände richten: Genannt werden auf der Homepage „Internet Innovation, Internet Regulierung, Informations- und Medienrecht sowie Fragen des Verfassungsrechts im Internet„. Diese Perspektive orientiert sich an der Oberfläche der Probleme, die gerade politisch diskutiert werden, insbesondere die technische und ökonomische Entwicklung, die rechtlichen Probleme und die sich daraus ergebenden Regulierungsanforderungen. Ähnlich sieht es auch bei der Enquete-Kommission des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“ aus: Bei beiden fehlt im Wesentlichen eine sozialwissenschaftliche Perspektive, die sich mit der Frage der Aneignung und Nutzung digitaler Medien beschäftigt, mit Erklärungen, WARUM bestimmte Innovationen erfolgreich sind und andere nicht, mit der Frage, WESHALB fundamentale Rechtsprinzipien so dramatisch an Bindungskraft verlieren etc. Beide – das Google-Institut wie die Enquete-Kommission – machen damit den zweiten Schritt vor dem ersten: Ohne fundamentale Analyse und Erklärung der beobachteten Phänomene sollen sofort Regulierungs- und Geschäftsmodelle entwickelt und diskutiert werden.

Daraus lässt sich der zentrale Vorwurf an die entsprechenden Wissenschaften formulieren: Sie haben es bisher nicht geschafft, diese Fragen bis in die Zentren der Entscheidung – der politischen, wie dem Bundestag, sowie der wirtschaftlichen, wie etwa Google und ähnliche Konzerne – zu kommunizieren. Obwohl es in diesem Bereich natürlich auch mehr oder weniger organisierte Akteure gibt, die zumindest ansatzweise versuchen, Forschung und die Interessen der beteiligten Forscher zu bündeln, etwa:

Auch das ist nur eine willkürliche Auswahl aus dem Bereich der Sozialwissenschaften; über die Frage, warum es diese Akteure nicht schaffen, mit ihrer Forschung und ihren Ergebnissen mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen, kann man sicher ausführlich diskutieren.  Es mag z.T. tatsächlich an einer fehlenden zentralen Institution liegen, die die Forschung bündelt; es liegt sicher z.T. auch daran, dass ich als Forscher angesichts stetig schrumpfender Etats an der Universität bei gleichzeitig steigenden Studentenzahlen immer weniger Zeit für klassische PR habe; ich bin schon froh, wenn ich immer wieder Gelder akquirieren kann und anschließend die geforderten Berichte und wissenschaftlichen Publikationen zusammenbekomme.

3. Die Argumente, die gegen eine Unabhängigkeit des Google-Instituts sprechen, sind natürlich nicht so einfach vom Tisch zu wischen; gerade die seit langem aus dem Journalismus bekannte, unbewusste „Schere im Kopf“ lässt sich nicht so einfach durch Verträge ausschalten. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, dass es höchste Zeit ist, dass die Konzerne, die Milliarden an den Nutzern der Online-Medien verdienen, auch etwas von diesem Geld in die Forschung investieren. Hier ließe sich aber sicher  über die Organisation dieser Forschungsförderung diskutieren; Stiftungsmodelle oder Organisationen mit Mischfinanzierung sind hier erprobte Modelle, die in Googles Institut mittelfristig eingesetzt werden sollten. Am Ende wird sich die Arbeit des neuen Instituts aber auf alle Fälle an den Ergebnissen messen lassen müssen; Millionen an Anschubfinanzierung garantieren noch nicht wissenschaftlich belastbare und gesellschaftlich relevante Erkenntnisse.

Alumni

Am 15.02. gibt es ein Alumni-Treffen für alle Ilmenauer AMW-Absolventen in Düsseldorf (20 Uhr, Brauerei Schumacher). Organisiert wird es von der ziemlich großen (im Augenblick fünfköpfigen) Truppe ehemaliger Ilmenauer, die jetzt an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität arbeitet. Als Freund der Alumni-Idee hier ein paar Argumente für die Teilnahme (und generell für die Vernetzung im Alumni-Kreis):

– Es gibt alte Dozenten zu sehen und zu sprechen: Stargast ist der ehemalige Ilmenauer Professor Gerhard Vowe, aber auch Martin Emmer und Stephanie Opitz werden da sein. Gelegenheit, über alte Zeiten zu sprechen und auch News aus Ilmenau zu erfahren (über die Namens-Debatte hinaus).

– Es gibt vielleicht auch ehemalige Kommilitoninnen und Kommilitonen zu treffen; vielleicht ist ein solcher Alumni-Event ja eine gute Gelegenheit, ein solches Treffen zu organisieren.

– Es ist auch eine Möglichkeit, neue, wertvolle Kontakte zu knüpfen: Viele AMWler waren ja vor allem innerhalb ihres Matrikels vernetzt, aber mittlerweile gibt es ja schon mehr als zehn Absolventen-Jahrgänge. Viele der Alumni sind in ähnlichen Branchen und Arbeitsfeldern tätig, es wäre nicht das erste Mal, dass untereinander Jobangebote ausgetauscht oder andere Kooperationen verabredet würden.

Also: Gelegenheit ergreifen und kommen!

P.S.: Hier gibt es eine Liste der wichtigsten Ressourcen für AMW-Alumni: http://www.tu-ilmenau.de/ifmk/alumni-absolventen/alumni-netzwerk/

Meine Sicht auf das AMW-Problem

Wie bereits kurz angekündigt möchte ich an dieser Stelle meinen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Umbenennung des Ilmenauer Studiengangs „Angewandte Medienwissenschaft“ liefern. Eine Zusammenfassung bisheriger Argumente für eine Beibehaltung des Namens findet sich im Blog „Pornokratie“ von AMW-Alumni Jan Rechlitz sowie im E-Learning-2.0-Blog von TU-Mitarbeiter Marcel Kirchner.

Ich möchte meine Position zum Thema in Form einer sprachlich etwas zugespitzten, im Kern aber wahren Geschichte deutlich machen:

Es war einmal ein Medieninstitut an einer Universität, das in seiner inhaltlichen Ausrichtung seiner Zeit weit voraus war. Es setzte Maßstäbe und erarbeitete sich in kürzester Zeit durch seine innovative Forschung und die hervorragend ausgebildeten Absolventen einen sehr guten Ruf in Wissenschaft und Medienpraxis. Der Name es Instituts war neu, innovativ und erfasste den Gegenstand des Lehr- und Forschungsinteresses mit einer für akademische Einrichtungen ungekannten Prägnanz.

Im Laufe der Zeit wuchs das Fach und weitere ähnliche Institute an anderen Universitäten kamen hinzu, aber keines wagte sich an eine ähnlich innovative Namensgebung, was unserer Einrichtung eine besondere Stellung in der Runde der Institute gab. Der Name, der im Laufe der Zeit eine gewisse Patina ansetzte, veränderte seinen Charakter von einer frischen Innovation langsam in Richtung ehrfuchtgebietender Tradition, was dazu führte, dass auch die Professoren und Mitarbeiter einen gewissen Stolz und eine Verpflichtung gegenüber ihrem Namen entwickelten.

Nach einigen Jahrzehnten wurde immer deutlicher, dass sich die Medienwelt um das Institut herum so deutlich gewandelt hatte, dass dessen Name nicht mehr das völlig veränderte Forschungsfeld beschreiben konnte. Junge Menschen auf der Suche nach einer akademischen Heimat stellten in Studienberatungen und Vorstellungsrunden immer wieder die Frage nach der Bedeutung des seltsamen Namens und nach dem Zusammenhang mit dem angeblichen Forschungsfeld des Instituts; Kollegen von anderen Instituten fingen an, sich über den altertümlichen Namen lustig zu machen. In dieser Zeit entwickelten die Mitarbeiter des Instituts einen geradezu missionarischen Eifer darin zu begründen, warum der so traditionsreiche Name eigentlich trotz aller Veränderungen der Welt doch immer noch die beste aller Möglichkeiten zur Beschreibung des Faches sei.

Allerdings veränderte sich auch das Publikum am Institut mit der Zeit: Nach und nach kamen junge Kolleginnen und Kollegen hinzu, denen die Geschichte des Instituts nur noch vage bekannt war, oder auch Professoren von anderen Universitäten und Instituten, deren nüchterne Außenperspektive es ihnen schwer machte, sich den Institutsnamen so zu eigen zu machen wie es die alten Mitarbeiter getan hatten. Nicht nur von außen sondern auch mehr und mehr aus dem Institut heraus wurde nun auf eine Namensänderung gedrängt; allein, gegen den Widerstand der letzten Aufrechten der alten Zeit konnte bis zuletzt niemand etwas ausrichten. Erst als fast siebzig Jahre nach der Gründung der allerletzte alte Fürst seinen Stuhl geräumt hatte, konnte der alte Name abgelegt werden und das Institut auch namentlich wieder dahin zurückkehren, wo es immer hingehört hatte: in die Mitte der bedeutendsten Institute des Fachs.

Wer möchte, kann gerne raten (Kommentarfeld), um welches Institut mit welchem alten und neuen Namen es hier geht; einige kennen es sicher. Die eigentliche Frage ist, an welchem Punkt dieser Entwicklung der Studiengang AMW gerade steht und wie weit wir ihn noch treiben wollen (und: wer von uns in einigen Jahrzehnten dieser Letzte sein wird, auf dessen Ausscheiden dann alle warten werden, um endlich nach all den verlorenen Jahren neu anfangen zu können).