Buch erschienen

titel_authentizitätNach arbeitsbedingt relativ langer Bloggingpause hier kurz ein Hinweis auf ein aktuelles Arbeitsergebnis: vor ein paar Tagen ist das von mir gemeinsam mit Alexander Filipovic, Jan Schmidt und Ingrid Stapf herausgegebene Buch „Echtheit, Wahrheit, Ehrlichkeit – Authentizität in der Online-Kommunikation“ (Beltz-Juventa) herausgekommen. Es dokumentiert die zentralen Beiträge einer Tagung aus dem letzten Jahr, die von den DGPuK-Fachgruppen „Kommunikations- und Medienethik“ und „Computervermittelte Kommunikation“ sowie dem Netzwerk Medienethik in München veranstaltet wurde.

Das Buch enthält Beiträge zu drei Aspekten des Authentizitäts-Problems in der Online-Welt: In einem ersten Abschnitt setzen sich mehrere Autoren auf rein theoretischer und philosophischer Ebene mit Authentizität auseinander. Dabei geht es sowohl um eine begriffliche Klärung wie auch normative Verortung des Konzepts, sowohl generell wie auch mit Bezug zur Online-Kommunikation.

Ein zweiter Abschnitt diskutiert dann die konkreten Herausforderungen, die sich durch digitale Medien und Internet für authentische Kommunikation ergeben. Dabei werden sowohl Teilaspekte von Authentizität in den Blick genommen als auch konkrete Fallbeispiele (z.B. die „Anonymous“-Bewegung) oder Anwendungsfelder (z.B. Forschungsethik) disktutiert.

In einem dritten Abschnitt werden empirische Analysen vorgestellt, die konkrete Kommunikationsbeziehungen unter der Perspektive von Authentizität untersuchen, etwa das Reputationsmanagement von Organisationen, die Selbstdarstellung von Mitgliedern gesellschaftlicher Subkulturen oder auch Politikern im Netz.

Weitere Informationen gibt es über diesen Link auf der Verlagsseite.

Advertisements

Demoskopie und Demoskopie-Journalismus

Die SZ hat kürzlich ein paar Mal (Mitte Januar, hm, auch schon wieder ein paar Tage her …) über die Probleme von Demoskopie und Meinungsforschung berichtet: Einmal in einer Rezension des aktuellen Buchs von Nate Silver, zweitens in einem ganzseitigen Beitrag von Christopher Schrader auf der „Wissen“-Seite (wie häufig leider nicht online), der sich ganz fundiert und basierend auf Gesprächen mit Wissenschaftlern mit den oft übersehenen Details und Schwierigkeiten der Meinungsforschung auseinandersetzt.

Neben den wissenschaftlichen gibt es aber in der öffentlichen Wahrnehmung demoskopischer Ergebnisse auch einige Probleme, die mit deren journalistischer Aufarbeitung zu tun haben:

In Berichten über Nate Silver zum Beispiel ist es nicht wirklich sachgerecht, dessen sehr exakte Vorhersagen den weniger exakten der jeweiligen Meinungsforschungsinstitute gegenüberzustellen. Denn es ist ein ganz einfaches statistisches Gesetz, dass ein Mittelwert aus mehreren unabhängigen Stichproben dem „wahren“ Wert höchstwahrscheinlich näher kommt als jede einzelne dieser Stichproben. Den Meinungsforschungsinstituten vorzuwerfen, dass ihre einzelnen Umfragen nicht so exakt sind wie die Summe aus mehreren, die Nate Silver berechnet, ist also etwas unfair (dass er u.U. durchaus ein paar weitere innovative Parameter in seine Modelle aufnimmt, die damit „klassischen“ Modellen überlegen sind, mag natürlich trotzdem zutreffen).

Ein zweites Problem mit demoskopischen Befunden, über das Christopher Schrader in der SZ schrieb, ließe sich relativ leicht durch Journalisten in der Berichterstattung kontrollieren, nämlich wenn sie wüssten, was das „Konfidenzintervall“ ist: der Umstand, dass die Ergebnisse von Umfragen nicht so exakt sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Da alle auf Stichproben basierenden Schätzungen – z.B. des Wähleranteils der FDP bei einer potenziell nächsten Bundestagswahl – mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind, geben Forschungsinstitute in der Regel einen Unsicherheitsbereich an, der üblicherweise zwischen +/-3% (in der Verteilungsmitte, dort wo etwa die CDU-Ergebnisse von 30-40% liegen) und +/-1,5% (am Verteilungsrand, wo Kleinparteien wie die FDP mit einstelligen Prozentergebnissen üblicherweise landen) liegt. Wenn die FDP im Politbarometer also von 5% in der Vorwoche auf 4% sinkt, verbieten sich Schlagzeilen wie „FDP sinkt unter 5%“, weil die Politbarometer-Umfrage streng genommen nur sagt, dass die FDP in der Vorwoche höchstwahrscheinlich zwischen 3,5 und 6,5% lag, und jetzt höchstwahrscheinlich irgendwo zwischen 2,5 und 5,5%. Ein Rückgang um einen Prozentpunkt in einer stichprobenbasierten Umfrage kann nicht belegen, dass der Wähleranteil tatsächlich zurückgegangen ist (die Daten lassen durchaus auch die Möglichkeit offen, dass er tatsächlich von 4 auf 5% gestiegen ist).

Das Demoskopie-Bashing (wie kürzlich wieder durch die CSU) ist deshalb zumindest zum Teil unbegründet: ein wenig Statistik-Kenntnisse in der Politik und im Journalismus (und dort die Disziplin, sie nicht wegen der Möglichkeit einer knackigen Schlagzeile zu ignorieren), würden sehr dabei helfen, Umfragedaten richtig zu interpretieren.

Tagesschau-App: Realitätsferne Debatten

Als Wissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit Mediennutzung beschäftigt, lerne ich gerne immer mal was dazu. Besonders interessant heute: Das Landgericht Köln meint (nach Darstellung von Claudia Tieschky in der SZ), dass die Tagesschau-App „aus Sicht der Nutzer geeignet ist, als Ersatz für die Lektüre von Zeitungen oder Zeitschriften zu dienen“. Mir ist sowas neu, denn es widerspricht völlig dem empirischen Forschungsstand: Wie ich nicht nur hier in meinem Blog sondern auch in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wiederholt deutlich gemacht habe, gibt es keine überzeugenden Belege dafür, dass Nutzer die Zeitung durch (kostenlose) Informationen aus dem Internet ersetzen würden.

Dabei ist dem Gericht eigentlich kaum ein Vorwurf zu machen: Es hat, durch die Beschränkung des Urteils auf die „Ausgabe“ (für ein sich ständig aktualisierendes Online-Angebot ein eigentlich sinnloser Begriff) vom 15.06.2011 ebenso wie durch eine Reihe früherer Äußerungen, versucht die Parteien davon zu überzeugen, dass diese Auseinandersetzung nicht vor Gericht gehört. Es ist wirklich ein Trauerspiel, nun schon über so viele Jahre zu beobachten, wie die gesamte „alte“ Medienbranche sich in eine realitätsferne Traumwelt zurückzieht und gegen nur eingebildete Windmühlen kämpft, während sich die Welt da draußen weiterdreht. In einer digitalisierten Welt – die in den nächsten Jahren auch das alte Fernsehen so in sich aufsaugen wird wie im letzten Jahrzehnt die Print-Medien – sind Begriffe wie „Fernsehen“ oder „Presse“ zur Beschreibung von Branchen/Berufen/individuellem Handeln untauglich geworden, und Hilfskonstruktionen wie „sendungsbezogen“ oder „presseähnlich“ lösen keinerlei Probleme, sondern sind nur ein Ausdruck von Ratlosigkeit. Auch aus Sorge um von mir sehr geschätzte Medien wie die Süddeutsche Zeitung (die ich trotz meiner intensiven Online-Nutzung seit über zwanzig Jahren abonniert habe) hoffe ich inständig, dass sich die relevanten Unternehmen und auch die Politik bald einmal Gedanken über die Gestaltung ihrer und unserer digitalen Zukunft machen, statt zu versuchen, sie aufzuhalten.

Tagungsbericht „Political Communication in the Online World“

Auf politik-digital.de ist gerade ein kurzer Bericht von Natalie Völker erschienen, in dem die Diskussionen zusammengefasst sind, die im Rahmen der  62. Jahrestagung der International Communication Association in Phoenix, Arizona geführt wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ trafen sich dort auf einer „Preconference“ mit internationalen Fachkollegen, um den Forschungsstand zur politischen Kommunikation unter den Bedingungen des digitalen Medienwandels zu rekapitulieren und über vielversprechende theoretische und methodische Forschungsansätze zu sprechen. Ich war auch dabei (wie man sieht ;-)).

Meine Rezension von „Internet & Demokratie“

Bereits letzten Herbst hat mich die Redaktion des rkm-Journals um eine Rezension des Buches „Internet & Demokratie“ von Stephan Eisel gebeten. Ich habe da auch gleich zugesagt, weil ich es für überfällig und auch sehr interessant hielt, dass mit Stephan Eisel ein sehr politikerfahrener Autor aus dem konservativen Lager (Eisel war und ist in verschiedenen Positionen in der CDU tätig, u.a. als MdB) mit dem Thema Internet beschäftigt, denn bisher ist die etablierte Politik (etwa im Rahmen der bisher gescheiterten Online-Regulierungsvorhaben) vor allem durch Unkenntnis der medialen Gegebenheiten in der digitalen Welt aufgefallen.

Meine Rezension (hier auf der rkm-Website einsehbar) ist nicht besonders positiv ausgefallen, zum einen weil die wissenschaftliche Qualität insgesamt relativ schwach ist – in vielen Bereichen ist der aktuelle Forschungsstand über die im Buch ausführlich diskutierten Befürchtungen und Hoffnungen einfach längst hinweggegangen – und zum anderen, weil es letztendlich auch keine besonders schlüssige Perspektive auf den Umgang mit dem Netz gibt: Eisel beschreibt in weiten Teilen des Buches – meiner Ansicht nach rhetorisch nicht immer redlich – den in den Augen des Autors überschätzten Nutzen des Internets wie die seiner Ansicht nach dramatischen Gefahren des Netzes für die Demokratie. Daneben erfährt man durchaus Interessantes über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Internet als Abgeordneter, das sich nicht immer mit dem vorher diskutierten in Einklang bringen lässt.

Dass dem Autor – den ich persönlich noch nicht kennengelernt habe und gegen den ich persönlich auch nichts habe – meine Sicht auf sein Buch nicht gefällt, ist verständlich, seine Replik darauf, die als Kommentar zur Rezension verfasst wurde, ist inhaltlich aber leider auch nicht besonders hilfreich; außer persönlichen Vorwürfen („einfältig“, „überheblich“, „absurd“) und einfachen Zurückweisungen meiner Sichtweise gibt es wenig Ansatzpunkte für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Dabei fände ich es nach wie vor wichtig, dass sich etablierte politische Parteien, die CDU ebenso wie die SPD, FDP oder andere, zukunftsorientiert mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Denn diese Welt, in der die Parteien nicht zuhause sind, wird weder von selbst wieder weggehen noch lässt sie sich mit ein paar einfachen gesetzlichen Maßnahmen unschädlich machen. Eine offensive, realistische Auseinandersetzung damit ist bis heute aber offenbar schwierig.

Wahnsinn mit Methode

Was das BILDblog da heute berichtet, gehört zum ungeheuerlichsten, was ich an forschungsmethodischem Unsinn je gesehen habe. In einer Auseinandersetzung zwischen den Nachrichtenagenturen dpa und dapd hat letztere versucht, die Qualität der eigenen Arbeit mit Hilfe einer quantitativen Untersuchung zu untermauern. Methodisch befindet sich diese „Untersuchung“ etwa auf dem Niveau eines Nachmittagsprojekts achtjähriger Grundschüler (die man natürlich für eine solche Leistung loben würde, ohne es ernsthaft als wissenschaftliche Untersuchung zu verkaufen); Lukas Heinser hat auf BILDblog den gesamten Irrsinn so gut beschrieben, dass ich das hier nicht nochmal wiederholen muss. Allen Interessierten, vor allem Studierenden sozialwissenschaftlicher Fächer, sei aber der atemberaubende Originalbericht, der bis jetzt (18.04. 21:20 Uhr) allen Ernstes immer noch auf der dapd-Website online steht, sehr ans Herz gelegt; sowas sieht man nicht oft. Wie die auftraggebenden Herrschaften der dapd Medien Holding so etwas zulassen können, ist mir rätselhaft, auch vor dem durchführenden Unternehmen muss man aus fachlicher Perspektive wohl dringend warnen.

Das Internet als Gefahr für die Demokratie

In einem längeren Interview, das ich mit dem ORF für sein Programm FM4 geführt habe, kam die Sprache mal wieder auf das Problem der unkontrollierbaren Debatten in Online-Foren. Die Kernfrage war, ob es denn nicht gefährlich und dem demokratischen Diskurs abträglich sei, wenn im Netz jeder – auch alle Trolls, Irren und Extremisten – sich in jede Diskussion einmischen könnten und ob damit dem Populismus nicht Tür und Tor geöffnet würde.

Weil es dazu relativ viel zu sagen gäbe und mir beim Schluss-Statement dieses Interviews nicht richtig viel Zeit blieb, habe ich am vergangenen Wochenende nochmal ein paar systematische Antworten auf dieser Frage zusammengestellt, die bei der „Politischen Notiz“ veröffentlicht und nachzulesen sind.