Wahnsinn mit Methode

Was das BILDblog da heute berichtet, gehört zum ungeheuerlichsten, was ich an forschungsmethodischem Unsinn je gesehen habe. In einer Auseinandersetzung zwischen den Nachrichtenagenturen dpa und dapd hat letztere versucht, die Qualität der eigenen Arbeit mit Hilfe einer quantitativen Untersuchung zu untermauern. Methodisch befindet sich diese „Untersuchung“ etwa auf dem Niveau eines Nachmittagsprojekts achtjähriger Grundschüler (die man natürlich für eine solche Leistung loben würde, ohne es ernsthaft als wissenschaftliche Untersuchung zu verkaufen); Lukas Heinser hat auf BILDblog den gesamten Irrsinn so gut beschrieben, dass ich das hier nicht nochmal wiederholen muss. Allen Interessierten, vor allem Studierenden sozialwissenschaftlicher Fächer, sei aber der atemberaubende Originalbericht, der bis jetzt (18.04. 21:20 Uhr) allen Ernstes immer noch auf der dapd-Website online steht, sehr ans Herz gelegt; sowas sieht man nicht oft. Wie die auftraggebenden Herrschaften der dapd Medien Holding so etwas zulassen können, ist mir rätselhaft, auch vor dem durchführenden Unternehmen muss man aus fachlicher Perspektive wohl dringend warnen.

„Die Einleitung schreibe ich ganz zum Schluss!“

… ist eine oft gehörte Strategie und auch ein oft gelesener Tipp in der einschlägigen Ratgeber-Literatur. Auch der anonyme Ghostwriter im kürzlichen ZEIT-online-Interview hat seine Arbeitsweise so beschrieben. Warum das sinnvoll sein kann, warum ich aber gerade Studierenden dringend davon abrate, möchte ich mal kurz darlegen:

Für die Strategie spricht, dass sich durch eine Formulierung der Einleitung am Schluss – also vor dem Hintergrund einer schon fertiggestellten Arbeit – der ganze Text gut in eine schlüssige Gesamtform bringen lässt; man kann in der Einleitung dann sehr genau das ankündigen, was am Ende auch wirklich im Text passiert. Da die Erfahrung zeigt, dass sich eine wissenschaftliche Arbeit im Zeitverlauf IMMER stark verändert und weiterentwickelt, geht das nicht so gut, wenn man die Einleitung am Anfang schreibt – und sie dann auch nie wieder anfassen würde. Allerdings ist das sowieso unrealistisch: Jede/r, der/die schon einmal eine solche Arbeit geschrieben hat, und sei es erst eine im ersten Semester, weiß natürlich, dass im Laufe der Arbeit daran viele Überarbeitungs- und Anpassungsschritte aufeinander folgen, die selbstverständlich auch immer eine Einleitung mit einbeziehen.

Selbst wenn man – in Kenntnis der Tatsache, dass die Einleitung, wenn man sie denn am Anfang schriebe, sich sowieso noch stark verändern würde – vollständig auf den Entwurf eines solchen Einleitungstextes verzichten würde, müsste man trotzdem eines auf alle Fälle erledigen: die Formulierung einer klaren Forschungsfrage, die es mit einer solchen Arbeit zu beantworten gilt. Und wer mich aus einer Lehrveranstaltung kennt, weiß, was ich mit Forschungsfrage meine: Einen Satz, der am besten mit mit einem W-Wort beginnt („Wer“, „Was“, „Wie“, „Welche …“, „Warum“, Ausnahmen natürlich möglich) und mit einem Fragezeichen endet – also eine echte Frage im Sinne der deutschen Grammatik. Sätze wie „Ich will mich mit X beschäftigen“ oder „Es soll das Phänomen Y untersucht werden“ sind KEINE ausreichenden Forschungsfragen, weil sie viel zu wenig eingrenzen und benennen, was am Ende herauskommen soll.

Und genau hier liegt das Problem im Zusammenhang mit der Frage, ob man am Anfang der Beschäftigung mit einem Thema den Aufwand einer ca. zweiseitigen Einleitung betreiben sollte. Denn wo diese Strategie für den erfahrenen Wissenschaftler oder Ghostwriter zeitsparend sein mag, führt das meiner mittlerweile langjährigen Erfahrung nach gerade bei unerfahrenen Autoren (dazu gehören Studierende während des Großteils ihres Studiums) dazu, dass damit zu oft die ausreichende Auseinandersetzung mit dem Ziel der Arbeit unterbleibt. Forschungsfragen bleiben zu oberflächlich und allgemein wie die oben beschriebenen, es wird nicht klar, wo genau das Problem liegt, warum die gewählten Theorien und das methodische Vorgehen für sinnvoll gehalten werden etc. Das sind genau die häufigen Probleme studentischer Arbeiten, die auch der zitierte anonyme Ghostwriter nennt. Und deshalb rate ich allen Autoren wissenschaftlicher Arbeiten, sich zu Beginn der Textproduktion doch zumindest an die Rohfassung einer Einleitung zu setzen, die folgende drei Elemente enthält:

1. Eine Begründung der Relevanz des (allgemeinen) Themas und AUCH der konkreten Fragestellung. Autoren sollten versuchen, potenziellen Lesern und damit auch sich selbst erst einmal klar zu machen, warum der Gegenstand eine wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigt („es ist interessant“ ist zu subjektiv und deswegen nicht ausreichend). „Gegenstand“ heißt dabei „konkrete Forschungsfrage“; sehr oft lese ich zwei Seiten dazu, warum das Internet wichtig für unsere Gesellschaft ist, um dann übergangslos eine Forschungsfrage präsentiert zu bekommen wie „… deshalb soll hier untersucht werden, weshalb Blog-Autoren das Thema X intensiver behandeln als Thema Y“ – da besteht eine riesige Argumentationslücke zwischen „Internet ist wichtig“ und „Analyse der Themen in der Blogosphäre ist wichtig“.

2. Eine klare ForschungsFRAGE, die den oben beschriebenen Kriterien entspricht; kein allgemeines Thema „… soll die Berichterstattung über X untersucht werden“, sondern eine klare Frage, auf die am Ende eine klare Antwort gegeben werden kann, z.B. “ …welche Nachrichtenfaktoren prägen die Berichterstattung über die Themen X und Y?“

3. Die Offenlegung des geplanten Vorgehens, also auf welche theoretische Basis bezieht sich der Autor/die Autorin, soll nur theoretisch oder auch empirisch vorgegangen werden, welche Methoden sollen eingesetzt werden?

Die Grundstrategie sollte also sein: Beschäftigen Sie sich zu Beginn intensiv mit der Relevanz des Themas, mit der konkreten Zielrichtung Ihrer Fragestellung und damit, wie man die Fragestellung am sinnvollsten beantworten kann. Wenn Sie Ihre Gedanken dazu zu Papier bringen, haben Sie die Einleitung praktisch schon geschrieben. Dass das Ganze unterwegs sicher noch häufiger angepasst wird (auch Forschungsfragen können sich durchaus noch ändern) und am Ende natürlich nochmal in Form gebracht wird (z.B. durch ein aktuelles Beispiel zum Einstieg), ist selbstverständlich, sollte aber keinesfalls eine intensive Auseinandersetzung am Anfang verhindern!

Guttenberg: Zur Grenze zwischen Fehler und vorsätzlichem Betrug

Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach der Aufdeckung seiner weitgehend abgeschriebenen Dissertation unter den Bürgern beliebter ist als je zuvor (siehe dazu → kognitive Dissonanz), entschuldigt sich damit, unter dem Druck seiner beruflichen und familiären Belastung den Überblick verloren und dabei Fehler bei der Setzung von Fußnoten gemacht zu haben. Auch bei seinen zwei Auftritten im Bundestag am 23.02. hat er diese Verteidigungslinie offensiv aufrecht erhalten. Strategisch ist das eine vielversprechende Argumentation, die ihm viel Verständnis einbringt: Wer wüsste nicht, wie viel Stress ein erfolgreiches Berufsleben und eine junge Familie mit sich bringen kann? Da kann man schon mal was übersehen. Wer allerdings selbst schon einmal eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben hat, weiß, dass Plagiate wie die von Herrn zu Guttenberg (an vielen Stellen im Netz dokumentiert, z.B. hier im GuttenPlag Wiki) nicht reine Schlamperei sein können; drei wesentliche Umstände sprechen hier sehr deutlich für Vorsatz, die ich hier vor allem aus hochschulpädagogischen Gründen erläutern möchte:

  1. In theoretischen Arbeiten (oder Theorieteilen von empirischen Arbeiten) wird naturgemäß vor allem mit den Werken anderer Autoren gearbeitet. Dabei ist es Aufgabe des Autors/der Autorin, mit eigenen Worten deren Aussagen in die eigene Forschungsfrage einzuordnen und dem Leser deutlich zu machen, was für die eigene Forschungsfrage aus diesen Werken zu lernen ist: Was tragen diese Quellen zum Verständnis der eigenen, selbstgewählten Forschungsfrage bei? In der Regel passiert das durch „indirekte“ Übernahmen fremder Aussagen in eigenen Worten inklusive Verweis auf die entsprechenden Quellen.
    Wörtliche Übernahmen sind deshalb eine eher seltene Ausnahme, weil die entsprechenden Aussagen ja aus einem anderen Kontext mit z.T. ganz anderen Forschungsfragen kommen; ohne eine ausführliche Einordnung in den eigenen Text sind sie bestenfalls missverständlich. Das heißt: Wörtliche Zitate können immer nur kurze Ausschnitte sein, die man deshalb auswählt, weil sie sprachlich bzw. begrifflich einen Sachverhalt besonders gut auf den Punkt bringen, und dies bei einer Darstellung in eigenen Worten verloren ginge. Eine seitenweise Übernahme fremder Texte, wie sie die Arbeit von KTzG enthält, ist aus wissenschaftlichen Gründen nicht nötig und wäre aus den dargelegten Gründen sogar eher schädlich; sie ist außerdem in keinem Fach auch nur ansatzweise üblich. Würde man – wie der Autor dies als Unterlassung darstellt – diese seitenlangen Abschnitte in Anführungszeichen setzen und mit Fußnoten versehen, würde jeder inhaltliche Zusammenhang, den der Autor eigentlich herstellen müsste, verloren gehen und die komplette Sinnlosigkeit eines solchen Patchwork-Textes wäre jedem Leser (vor allem den Gutachtern der Doktorarbeit) sofort ins Auge gesprungen.
  2. Ein zweites Indiz für die vorsätzliche Manipulation sind die leichten Änderungen, die in die unbelegt übernommenen Abschnitte eingebaut wurden: Hätte es sich tatsächlich nur um vergessene Fußnoten gehandelt, hätten die Textabschnitte selbstverständlich entweder wörtlich und unverändert übernommen werden müssen, oder zusammengefasst in vollständig eigenen Worten. Die Tatsache, dass sie aber sprachlich nur so leicht angepasst wurden, dass sie sich gut in den eigenen Inhalt einfügen ließen, belegt, dass hier sehr gezielt fremde Versatzstücke zu einem neuen Text zusammengebaut wurden. Den intellektuellen Aufwand, diese fremden Texte zu lesen, zu verstehen und dann zusammengefasst, in eigenen Worten und mit eigener Schlussfolgerung und Quellenangabe versehen, in eine eigene Argumentation zu überführen, wollte oder konnte KTzG vermutlich nicht leisten.
  3. Der dritte, in den Medien bereits diskutierte Hinweis auf die völlige wissenschaftliche Substanzlosigkeit der vorgelegten Arbeit ist die Tatsache, dass selbst viele Stellen, an denen eigentlich gerade in einer theoretischen Arbeit die Eigenleistung des Autors hervorstechen sollte, auf die oben beschriebene Weise abgeschrieben wurde: Wo, wenn nicht in den Zusammenfassungs- und Schlussfolgerungskapiteln sollte denn die Eigenleistung des Autors deutlich werden? Selbst solche Stellen zu plagiieren zeigt, dass ganz offensichtlich kaum eine eigenständige Leistung in diesem Text enhalten ist, sondern es sich um eine gezielte Simulation oder Vorspiegelung von Wissenschaft handelt; auch hier kann von einer „Schlamperei“ keine Rede sein.

Beeindruckend ist an all dem nur, dass es dem Autor offenbar sehr kunstvoll gelungen ist, diese Versatzstücke zu einem Text zu amalgamieren, der in sich (als nicht-Jurist kann ich das selbst nur schwer beurteilen) so überzeugend wirkt, dass dessen Substanzlosigkeit selbst den renommierten Gutachtern nicht aufgefallen ist. Vermutlich ist so etwas tatsächlich nicht hundertprozentig zu verhindern. Die Wahrscheinlichkeit ließe sich aber verringern, indem z.B. die Betreuung und Zusammenarbeit mit den Doktoranden intensiviert wird, etwa durch regelmäßige Kolloquien, Vorträge und auch Publikationen während des Arbeitsprozesses. Dabei würde relativ schnell deutlich, wenn eine Person durch ihre Aufgabenstellung überfordert ist. Auch eine möglichst klare Absprache von Forschungsfragen und Themen wäre hilfreich, um die Eigenleistung der Kandidaten klarer zu definieren – was zugegebenermaßen etwas leichter ist bei Themen und Fächern, die empirisch ausgerichtet sind (und was deshalb insbesondere für die Rechtswissenschaft ein Problem darstellt).