Aus alt mach‘ neu: Zitate-Recycling

In jüngster Zeit bin ich ein paar Mal auf ein spezielles Problem mit wissenschaftlichem Zitieren gestoßen, das – auch wenn es nicht so spektakulär ist wie manche Plagiatsfälle der jüngsten Zeit – ein ernsthaftes Problem für die Qualität wissenschaftlicher Arbeit darstellt, weswegen ich es hier einmal kurz umreißen will:

In meiner kleinen Auseinandersetzung mit Stephan Eisel über die wissenschaftliche Qualität seines Buches „Internet und Demokratie“ entstand eine Kontroverse um meine Kritik daran, dass Teile seiner Darstellungen auf veralteten Quellen basierten und den aktuellen Forschungsstand weitgehend ingnorieren. Er hat darauf geantwortet, dass ein wesentlicher Teil der von ihm angegebenen Quellen aus den letzten acht Jahren stammen würde und seine Darstellungen deshalb sehr wohl aktuell seien. Ein zweites Beispiel ist eine studentische Hausarbeit, die ich kürzlich gelesen habe, in der ich für die Erläuterung theoretischer Begrifflichkeiten und Modelle eines nicht mehr ganz neuen Theorieansatzes (Framing) fast ausschließlich sehr junge Quellen aus den letzten zwei Jahren vorfand. Das hat mich auf den ersten Blick elektrisiert, weil ich den Eindruck bekam, als hätte es jüngst ganz neue Entwicklungen gegeben, die mir bisher entgangen waren. Eine Prüfung der Quellen – und zwar in beiden Fällen – hat dann aber ein anderes Bild ergeben: Es wurden jeweils zwar ganz aktuelle Publikationen herangezogen und zitiert, diese bezogen sich inhaltlich selbst wiederum aber nur auf wesentlich ältere, schon bestehende Begriffe und Befunde, ohne diesen substanziell etwas hinzuzufügen. Und damit sind zwei Probleme verbunden:

1. Die wissenschaftliche Leistung, z.B. der Begriffsdefinition von „Framing“, wird einer neueren Quelle zugesprochen, die diese Leistung aber eigentlich gar nicht erbracht hat, sondern die sich selbst wiederum nur auf ältere Quellen beruft – und diese müssten dann eigentlich korrekterweise zitiert werden.

2. Es entsteht ein unzutreffender Eindruck von der Aktualität einer Aussage: Wenn ein Autor 2011 eine Aussage aus dem Jahr 2005 zitiert, die sich wiederum aus einem Text aus dem Jahr 1999 speist, handelt es sich eben um eine Aussage mit dem Stand 1999 – wie neu das Publikationsdatum des X-ten Zitats auch sein mag.

Für solche Unsauberkeiten kann es verschiedene Gründe geben: Im Falle der Hausarbeit war es ein diffuses Gefühl des Autors, „nicht immer den gleichen alten Kram“ zitieren zu wollen, sondern möglichst aktuelle Quellen zu verwenden, um auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu arbeiten. Dabei ist aber aus dem Blick geraten, dass ein jüngeres Publikationsdatum nicht unbedingt auch mit einer jüngeren, echten „Quelle“ gleichgesetzt werden kann. Wichtiger als der Blick aufs Publikationsdatum ist es in der Wissenschaft, immer möglichst mit den „Primärquellen“ zu arbeiten, also mit den Ursprungsquellen einer Definition oder einer Aussage. Im Falle von Begriffen oder Theorien ist es eher normal, dass die Quellen etwas älter sind (in den Naturwissenschaften z.T. ja bereits ein paar hundert Jahre). Nach dem neuesten Material sollte man dagegen vor allem suchen, wenn es um den empirischen Forschungsstand geht.

Eine andere Ursache für solche Unsauberkeiten kann eine oberflächliche Arbeitsweise sein: Ein Autor sucht sich zu seinem Thema ein paar aktuelle Publikationen – z.B. aktuelle Dissertationen, die in der Regel einen Theoriebestand umfassend aufarbeiten und zugleich oft auch empirisch gehaltvoll sind. Aus diesen Arbeiten werden dann sowohl Begriffsdefinitionen wie auch empirische Befunde zitiert; den Aufwand, die Primärquellen zur Theorie zu besorgen, aufzuarbeiten und zu zitieren, spart man sich einfach. Und zuletzt kann eine solche Zitierweise natürlich auch Absicht sein, etwa um Lücken in einer Recherche oder einer Argumentation zu verdecken oder gar – was hier ausdrücklich niemandem unterstellt werden soll – ganz absichtlich den Forschungsstand zu manipulieren.

Egal aus welchen Gründen so gearbeitet wird, es entsteht daraus letztendlich nicht nur eine eher schlechte, weil wissenschaftlich mangelhaft fundierte Arbeit. Da die Relevanz wissenschaftlicher Publikationen sich heute immer stärker nach der Zahl der Zitierungen einer solchen Publikation durch andere Wissenschaftler bemisst, wird dadurch im Extremfall auch Einfluss genommen auf die in der Wissenschaft wahrgenommene Relevanz einzelner Quellen, und zwar nicht gerade zum Besseren.

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Tagungsbericht „Political Communication in the Online World“

Auf politik-digital.de ist gerade ein kurzer Bericht von Natalie Völker erschienen, in dem die Diskussionen zusammengefasst sind, die im Rahmen der  62. Jahrestagung der International Communication Association in Phoenix, Arizona geführt wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ trafen sich dort auf einer „Preconference“ mit internationalen Fachkollegen, um den Forschungsstand zur politischen Kommunikation unter den Bedingungen des digitalen Medienwandels zu rekapitulieren und über vielversprechende theoretische und methodische Forschungsansätze zu sprechen. Ich war auch dabei (wie man sieht ;-)).

Meine Rezension von „Internet & Demokratie“

Bereits letzten Herbst hat mich die Redaktion des rkm-Journals um eine Rezension des Buches „Internet & Demokratie“ von Stephan Eisel gebeten. Ich habe da auch gleich zugesagt, weil ich es für überfällig und auch sehr interessant hielt, dass mit Stephan Eisel ein sehr politikerfahrener Autor aus dem konservativen Lager (Eisel war und ist in verschiedenen Positionen in der CDU tätig, u.a. als MdB) mit dem Thema Internet beschäftigt, denn bisher ist die etablierte Politik (etwa im Rahmen der bisher gescheiterten Online-Regulierungsvorhaben) vor allem durch Unkenntnis der medialen Gegebenheiten in der digitalen Welt aufgefallen.

Meine Rezension (hier auf der rkm-Website einsehbar) ist nicht besonders positiv ausgefallen, zum einen weil die wissenschaftliche Qualität insgesamt relativ schwach ist – in vielen Bereichen ist der aktuelle Forschungsstand über die im Buch ausführlich diskutierten Befürchtungen und Hoffnungen einfach längst hinweggegangen – und zum anderen, weil es letztendlich auch keine besonders schlüssige Perspektive auf den Umgang mit dem Netz gibt: Eisel beschreibt in weiten Teilen des Buches – meiner Ansicht nach rhetorisch nicht immer redlich – den in den Augen des Autors überschätzten Nutzen des Internets wie die seiner Ansicht nach dramatischen Gefahren des Netzes für die Demokratie. Daneben erfährt man durchaus Interessantes über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Internet als Abgeordneter, das sich nicht immer mit dem vorher diskutierten in Einklang bringen lässt.

Dass dem Autor – den ich persönlich noch nicht kennengelernt habe und gegen den ich persönlich auch nichts habe – meine Sicht auf sein Buch nicht gefällt, ist verständlich, seine Replik darauf, die als Kommentar zur Rezension verfasst wurde, ist inhaltlich aber leider auch nicht besonders hilfreich; außer persönlichen Vorwürfen („einfältig“, „überheblich“, „absurd“) und einfachen Zurückweisungen meiner Sichtweise gibt es wenig Ansatzpunkte für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Dabei fände ich es nach wie vor wichtig, dass sich etablierte politische Parteien, die CDU ebenso wie die SPD, FDP oder andere, zukunftsorientiert mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Denn diese Welt, in der die Parteien nicht zuhause sind, wird weder von selbst wieder weggehen noch lässt sie sich mit ein paar einfachen gesetzlichen Maßnahmen unschädlich machen. Eine offensive, realistische Auseinandersetzung damit ist bis heute aber offenbar schwierig.