Warum eine „inhaltliche Auseinandersetzung“ mit den Piraten wenig bringt

Sowohl FDP-Chef Philipp Rösler als auch Klaus Ernst von der Linkspartei haben am vergangenen Wochenende eine „inhaltliche Auseinandersetzung“ mit der Piratenpartei angekündigt. Das ist aber vermutlich nicht die richtige Strategie. Man muss nämlich annehmen, dass die Herren (und auch die Protagonisten von Union und SPD) dabei nach wie vor an eine politische Auseinandersetzung alten Stils denken, nämlich: zuerst Programmentwicklung innerhalb der hierarchischen Parteistrukturen, dann die neuen inhaltlichen Angebote ins Partei-Schaufenster stellen und dafür um Kunden/Wähler werben. Dass die Piraten aber eben nicht wegen ihrer inhaltlichen Angebote so attraktiv sind – eine Protestpartei klassischen Stils, wie Klaus Ernst vermutet, sind sie erst recht nicht – sondern wegen ihrer grundsätzlich anderen Herangehensweise an politische Probleme, wollen die Herrschaften nach wie vor nicht wahrhaben.

Es ist ja gar nicht so, dass die Piraten besondere Lösungsvorschläge für aktuelle politische Probleme hätten: Selbst in der Netzpolitik gehen die Positionen über sehr Allgemeines (und zum Teil Utopisches) nicht hinaus, von anderen Politikfeldern gar nicht zu reden. Aber den potenziellen Wählern – mittlerweile je nach Umfrage-Art zwischen 10 und 30 Prozent der Deutschen – scheint das wenig auszumachen. Mittlerweile weiß schließlich (fast) jeder Wähler, dass die aktuellen gesellschaftlichen Probleme nicht so einfach zu lösen sind, wie es Parteien vor allem in Wahlkämpfen immer wieder versprechen. Glaubt denn wirklich noch jemand Behauptungen wie „dieser Aufschwung ist meiner“ oder „die SPD/CDU etc. pp. ist schuld an der Krise“? Jeder halbwegs vernünftige Wähler weiß, dass komplexe Probleme langfristige Arbeit bedeuten; das Bekenntnis, die Lösung nicht zu kennen, aber einen plausiblen Weg zu deren Lösung zu haben – nämlich offene, transparente und breit angelegte Diskussionsprozesse, deren Ergebnisse dann auch systematisch in eine Beschlussfassung eingehen – erscheint bei allem Chaos innerhalb der Piratenpartei immer mehr Menschen deutlich vernünftiger als die kindischen Hahnenkämpfe der Damen und Herren in ihren Anzügen und Kostümen mit parteifarblich abgestimmten Krawatten oder Blazern.

Liebe etablierte Parteien, Ihr müsst schleunigst realisieren, dass die Menschen des Jahres 2012 andere sind als die des späten 19. Jahrhunderts, als unser altes Parteiensystem entstanden ist: das Bildungsniveau steigt stetig an, die Bindung an das eigene Millieu – katholisch, Arbeiter, Beamte etc. – spielt kaum noch eine Rolle, die Lebenswege der Menschen sind nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre durch Familien- und Klassenzugehörigkeit vorgezeichnet. Junge Menschen haben heute ungeheure Chancen der Lebensgestaltung und auch sehr viel mehr Eigenverantwortung als ihre Urgroßeltern. Und deswegen versammeln sie sich eben nicht mehr einfach als willige Masse hinter der roten Fahne oder dem Kirchenbanner und gehorchen den Anführern in der Hoffnung, dass diese dann schon alles regeln werden. Die Bürger des 21. Jahrhunderts wollen für voll genommen werden. Und das ist keine Frage des inhaltlichen Angebots im Schaufenster. Das ist eine Frage des politischen Prozesses, der sich in den nächsten Jahren dringend ändern muss, und zwar grundlegend: Pseudo-Veranstaltungen wie der „Zukunftsdialog“ der Bundeskanzlerin sind letztendlich nämlich auch nichts anderes als die klassische Schaufensterpolitik.

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„Handbuch Online-Kommunikation“ erschienen!

Es ist soweit, ein weiterer Meilenstein in der kommunikationswissenschaftlichen Erschließung von Internet und Online-Kommunikation ist gesetzt 😉 : das „Handbuch Online-Kommunikation“ (VS Verlag, Wiesbaden), erdacht und herausgegeben von den Kollegen Wolfgang Schweiger (TU Ilmenau) und Klaus Beck (FU Berlin), ist auf dem Markt. Es liefert erstmals einen sehr breiten Überblick über alle theoretischen, empirischen, thematischen Aspekte der Online-Kommunikation. Autoren aus verschiedenen Bereichen der Online-Forschung haben jeweils ein abgegrenztes Feld bearbeitet und in ihren Beiträgen  theoretische Eckpunkte und empirischen Forschungsstand zusammengefasst. Für alle, die sich einen (im Augenblick noch sehr aktuellen) Überblick über den wissenschaftlichen Kenntnisstand auf Gebieten wie politische Online-Kommunikation, Online-Spiele, Journalismus im Netz etc. verschaffen wollen, sollte das Buch die erste Referenz sein.

Es sind auch zwei Beiträge mit meiner Beteiligung enthalten:

Emmer, Martin & Wolling, Jens (2010). Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. In K. Beck & W. Schweiger (Hrsg.), Handbuch Online-Kommunikation (S. 37-59). Wiesbaden: VS Verlag.

Emmer, Martin & Bräuer, Marco (2010). Online-Kommunikation politischer Akteure. In K. Beck & W. Schweiger (Hrsg.), Handbuch Online-Kommunikation (S. 311-337). Wiesbaden: VS Verlag.

Hallo? Politikerblogs?

Unser kürzlicher Versuch im Online-Wahlkampf-Seminar an der FU Berlin ein paar aktuelle Beispiele von Politiker-Blogs anzusehen und zu bewerten, endete ziemlich deprimierend. Pseudo-Blogs ohne Interaktionsmöglichkeit, Uralt-Angebote mit wochen- und monatealten Beiträgen, ernüchternde Abrufzahlen (z.B. Reinhard Bütikofers Standpunkt zur EU-Klimapolitik: 21 Leser in vier Wochen) oder Hardcore-Politprogramm-Texte im Umfang von fast 10 Din A4-Seiten (auf der Homepage von SPD-Vorzeige-Nachwuchsmann Björn Böhning) zeigen, dass deutsche Mandatsträger außerhalb des Wahlkampfes online wenig aktiv sind.

Die Ergebnisse einer Untersuchung, die wir kürzlich an der TU Ilmenau am Beispiel von deutschen Landtagsabgeordneten durchgeführt haben, zeigt, dass das weniger mit mangelnder Kompetenz in Sachen Online-Kommunikation zu tun hat, sondern eher mit den Prioritäten der Politiker:
Interaktion mit dem Wähler rangiert auf der Politiker-Prioritätenliste klar hinter der politischen Selbstdarstellung. Außerdem eignet sich das Internet in ihren Augen viel besser zur Informationsverbreitung als zur Stimulierung von aktiver Beteiligung oder Wähler-Feedback. Die oben genannten Beispiele illustrieren das sehr genau. Offenbar ist die Gruppe der Wähler, die eine stärkere Interaktion mit ihren politischen Vertretern erwarten, noch nicht groß genug, um Abgeordnete dazu zu bringen, sich stärker mit ihnen auseinanderzusetzen. Allerdings muss man hier vermuten, dass diese Gruppe mit dem Heranwachsen neuer Generationen von Digital Natives deutlich größer wird – eine etwas langfristigere Online-Strategie könnte deshalb sicher nicht schaden.

Details zur Untersuchung gibt es ab sofort in: Wolling, J., Schmolinsky, A., & Emmer, M.(2010). Politiker vernetzt: Warum und wie sich deutsche Landtagsabgeordnete online präsentieren. In M. Emmer, M. Seifert & J. Wolling (Hrsg.), Politik 2.0. Politik und Computervermittelte Kommunikation (S. 47-62). Baden-Baden: Nomos.