Meine Rezension von „Internet & Demokratie“

Bereits letzten Herbst hat mich die Redaktion des rkm-Journals um eine Rezension des Buches „Internet & Demokratie“ von Stephan Eisel gebeten. Ich habe da auch gleich zugesagt, weil ich es für überfällig und auch sehr interessant hielt, dass mit Stephan Eisel ein sehr politikerfahrener Autor aus dem konservativen Lager (Eisel war und ist in verschiedenen Positionen in der CDU tätig, u.a. als MdB) mit dem Thema Internet beschäftigt, denn bisher ist die etablierte Politik (etwa im Rahmen der bisher gescheiterten Online-Regulierungsvorhaben) vor allem durch Unkenntnis der medialen Gegebenheiten in der digitalen Welt aufgefallen.

Meine Rezension (hier auf der rkm-Website einsehbar) ist nicht besonders positiv ausgefallen, zum einen weil die wissenschaftliche Qualität insgesamt relativ schwach ist – in vielen Bereichen ist der aktuelle Forschungsstand über die im Buch ausführlich diskutierten Befürchtungen und Hoffnungen einfach längst hinweggegangen – und zum anderen, weil es letztendlich auch keine besonders schlüssige Perspektive auf den Umgang mit dem Netz gibt: Eisel beschreibt in weiten Teilen des Buches – meiner Ansicht nach rhetorisch nicht immer redlich – den in den Augen des Autors überschätzten Nutzen des Internets wie die seiner Ansicht nach dramatischen Gefahren des Netzes für die Demokratie. Daneben erfährt man durchaus Interessantes über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Internet als Abgeordneter, das sich nicht immer mit dem vorher diskutierten in Einklang bringen lässt.

Dass dem Autor – den ich persönlich noch nicht kennengelernt habe und gegen den ich persönlich auch nichts habe – meine Sicht auf sein Buch nicht gefällt, ist verständlich, seine Replik darauf, die als Kommentar zur Rezension verfasst wurde, ist inhaltlich aber leider auch nicht besonders hilfreich; außer persönlichen Vorwürfen („einfältig“, „überheblich“, „absurd“) und einfachen Zurückweisungen meiner Sichtweise gibt es wenig Ansatzpunkte für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Dabei fände ich es nach wie vor wichtig, dass sich etablierte politische Parteien, die CDU ebenso wie die SPD, FDP oder andere, zukunftsorientiert mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Denn diese Welt, in der die Parteien nicht zuhause sind, wird weder von selbst wieder weggehen noch lässt sie sich mit ein paar einfachen gesetzlichen Maßnahmen unschädlich machen. Eine offensive, realistische Auseinandersetzung damit ist bis heute aber offenbar schwierig.

Titel zu „Bürger online“ ist fertig

Gestern haben wir vom UVK-Verlag die endgültige Titelseite unseres in den nächsten Wochen erscheinenden Buchs bekommen. Wir Titel "Bürger online"haben unter Mithilfe zahlreicher Kolleginnen und Kollegen sowie des Verlags versucht, eine brauchbare Visualisierung für den Gegenstand zu finden, ohne auf die übliche, etwas abgegriffene Internet-Symbolik wie Tastatur und Bildschirm zurückgreifen zu müssen. Über Kommentare und Hinweise, ob uns das gelungen ist bzw. Vorschläge zur Verbesserung oder alternative Ideen (allerdings erst für die 2. Auflage …) würden wir uns freuen, entweder hier oder auch auf der neuen Website zum Buch: http://www.buerger-online.net

Countdown für „Bürger online“ läuft

Nach noch einmal einigen Wochen intensiver Durchsicht, Lektorat und Korrektur ist es bald so weit: Das Manuskript für unser Buch mit den Ergebnissen unseres zehnjährigen Forschungprojekts zur Entwicklung der politischen Online-Kommunikation der Deutschen (http://www.politische-online-kommunikation.de) ist heute an den UVK-Verlag gegangen. In schätzungsweise drei bis vier Wochen ist das bereits länger angekündigte 350-Seiten-Werk dann erhältlich. Weitere Infos gibt es demnächst auch auf einer Website zum Buch.

Alte Männer (& Frauen), die das Internet nicht verstehen, Folge 3

Eigentlich muss man wenig zu dieser Diskussion in der Bundespressekonferenz sagen, alleine die erste Frage des dadp-Korrespondenten, in kaum verhüllter Empörung vorgetragen, sagt fast alles: „Muss ich mir jetzt in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Kanzlerin informiert zu werden?“

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Publikationen zum Superwahljahr 2011 bei Nomos

So, zur Abwechslung mal etwas (Eigen-)Werbung: Der Nomos-Verlag hat die wahl- und politikbezogenen Bücher seines kommunikationswissenschaftlichen Programms auf einer Sonderseite zum Thema „Superwahljahr 2011“ zusammengestellt, darunter auch das von mir im letzten Jahr mitherausgegebene Werk „Politik 2.0“. Für alle am Thema interessierten gibt es dort vielleicht das eine oder andere Interessante zu lesen. Zum Angebot geht’s per Klick auf das Bild.

Heribert Prantl und andere Männer, die das Internet nicht verstehen

Zu meinen liebsten Beispielen der Kategorie „Alte Männer, die das Internet nicht mehr verstehen“ gehört dieser ein Auszug aus einer „Kerner“-Sendung im September 2009 (Quelle: YouTube-Beitrag mittlerweile nicht mehr zugänglich):, in dem JBK und hochrangige Journalistengäste (u.a. Steffen Seibert, Wolf von Lojewski) verständnislos den gefakten Kerner-Twitter-Account betrachten und kopfschüttelnd über dessen Zweck rätseln; O-Ton Kerner: „Sowas braucht doch kein Mensch!“. (aktualisiert 20.01.2011)

Das ist noch witzig, aber der Spaß vergeht einem dann doch, wenn angesehene Medienexperten aus Journalismus und Wissenschaft die öffentliche, insbesondere politische Debatte prägen und dabei durchblicken lassen, dass Ihnen die mediale und kommunikative Dimension des Internets offenbar nicht klar ist. Ein aktuelles Beispiel gab es in dieser Woche: Ein Interview zu Google-Streetview mit Heribert Prantl in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3sat (ich verzichte auf eine Einbettung, da das Video wegen der absurden aktuellen Regulierung der öffentlich-rechtlichen Online-Angebote nicht dauerhaft online stehen wird).

Heribert Prantl bemüht sich zu behaupten, es sein ein qualitativer Unterschied, ob sein Haus in der Realität beobachtet und fotografiert werden kann oder ob es als „Panoramafoto“ in Steetview steht. Dem möchte man zustimmen, denn wer sich vor sein Haus stellt, kann es sicherlich sehr viel detaillierter und vor allem immer in Echtzeit inklusive ankommender und gehender Gäste beobachten – allerdings meint er es genau so natürlich nicht. Weshalb aber die Verfügbarkeit eines schnell veraltenden Bildes im Netz dramatischer sein soll als die dauerhafte Existenz und Sichtbarkeit seines Hauses in der Realität, beantwortet er nicht (oder nur mit allgemeinem Misstrauen gegenüber der Firma Google). Auf die Nachfrage der Journalistin zieht er sich bezeichnenderweise auf „ich glaube“-Formulierungen und die einfache Wiederholung der selben Behauptung in anderen Worten zurück – klassische rhetorische Verschleierungsstrategien in Ermangelung treffender Argumente.
Der Grund für dieses Unbehagen, das Heribert Prantl nicht richtig benennen kann, ist, dass er das Internet – wie viele Journalisten und auch die lustigen Herren aus obigem Video – aus einer klassischen Massenmedien-Perspektive heraus betrachtet: Hält man es nur für ein weiteres Medium wie die Zeitung oder das Fernsehen, kann man sich selbstverständlich darüber empören, dass – wie in Twitter – nur banale Alltagsäußerungen „publiziert“ werden, oder dass einfach so ein Bild meines Hauses darin „publiziert“ wird. Diese Perspektive wird sehr schön in dieser Aussage Prantls deutlich:

„Eine Fotografie klebt in einem Album, eine Fotografie ist an einem Tag in einer bestimmten Zeitung, aber hier ist man ubiquitär. Das macht es notwendig, dass der Staat agiert“.

„Die Medien“, so spricht hier der erfahrene und durchaus verdienstvolle Journalist, haben schließlich eine gesellschaftliche Aufgabe, sollen unabhängig sein, die Politik kontrollieren und der Demokratie dienen – Geschwätz und undurchsichtige Werbeformate wie Google-Streetview haben da nichts verloren.

Würde man das Netz nicht nur als ein neues neben einer Reihe alter, herkömmlicher Medien begreifen, sondern als „digitale Revolution“ auf einer Ebene zumindest mit der Entwicklung des Buchdrucks, könnte und sollte man einen anderen Blick auf das Netz entwicklen: Das Netz als ein digitales Parallel-Universum, in dem wir alle auch eine Existenz haben, die mal stärker, mal schwächer mit unserer physischen Welt verknüpft ist. Und diese Welt ist eben mehr als nur ein „öffentliches Medium“ wie das Fernsehen oder die Zeitung, es ist ein Universum im wahrsten Sinne des Wortes. Vieles, was an angeblich Überflüssigem oder unangemessen Ubiquitärem im Netz kritisiert wird, erscheint so in einem anderen Licht: Im Netz hat alles seinen berechtigten Platz, was in der Welt auch sonst zu unserem Leben gehört, inklusive des dummen Geschwätzes der Kollegen aus der Buchhaltung und der Tatsache, dass Passanten mein Haus sehen und den Namen auf meinem Klingelschild. Vielleicht sollte man den alten Begriff des „Cyberspace“ mal wieder abstauben – auch wenn er ursprünglich eher neue, zusätzliche Dimensionen der Realität beschrieben hat, ist die Raum-Metapher, die in ihm steckt, meiner Ansicht nach treffender und hilfreicher als die (oft unausgesprochenen) Medien-Metaphern, mit denen in den Netzpolitik-Diskursen heute meist operiert wird.

„Handbuch Online-Kommunikation“ erschienen!

Es ist soweit, ein weiterer Meilenstein in der kommunikationswissenschaftlichen Erschließung von Internet und Online-Kommunikation ist gesetzt 😉 : das „Handbuch Online-Kommunikation“ (VS Verlag, Wiesbaden), erdacht und herausgegeben von den Kollegen Wolfgang Schweiger (TU Ilmenau) und Klaus Beck (FU Berlin), ist auf dem Markt. Es liefert erstmals einen sehr breiten Überblick über alle theoretischen, empirischen, thematischen Aspekte der Online-Kommunikation. Autoren aus verschiedenen Bereichen der Online-Forschung haben jeweils ein abgegrenztes Feld bearbeitet und in ihren Beiträgen  theoretische Eckpunkte und empirischen Forschungsstand zusammengefasst. Für alle, die sich einen (im Augenblick noch sehr aktuellen) Überblick über den wissenschaftlichen Kenntnisstand auf Gebieten wie politische Online-Kommunikation, Online-Spiele, Journalismus im Netz etc. verschaffen wollen, sollte das Buch die erste Referenz sein.

Es sind auch zwei Beiträge mit meiner Beteiligung enthalten:

Emmer, Martin & Wolling, Jens (2010). Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. In K. Beck & W. Schweiger (Hrsg.), Handbuch Online-Kommunikation (S. 37-59). Wiesbaden: VS Verlag.

Emmer, Martin & Bräuer, Marco (2010). Online-Kommunikation politischer Akteure. In K. Beck & W. Schweiger (Hrsg.), Handbuch Online-Kommunikation (S. 311-337). Wiesbaden: VS Verlag.