Dinge, die ich in Abschlussarbeiten ungern lese (1): Die Relevanzbegründungs-Klippe

Da im Moment wieder Abschlussarbeits-Korrekturzeit ist, nutze ich mal die Gelegenheit, um in loser Folge auf ein paar immer wiederkehrende Fehler in solchen Arbeiten hinweisen – in der Hoffnung, dann nicht immer wieder in jedem Kolloquium und jeder Sprechstunde individuell darüber sprechen zu müssen. (Ich weiß, dass das eine höchstwahrscheinlich unbegründete Hoffnung ist; aber trotzdem).

Ein Problem, dem man meist gleich am Anfang in der Einleitung begegnet, ist die „Relevanzbegründungs-Klippe“ (zu der ich letztes Jahr schon mal kurz etwas geschrieben habe). Sie besteht darin, dass zwar zu Beginn der Einleitung auf ein mehr oder weniger relevantes Problem im Zusammenhang mit dem Titel der Arbeit eingegangen wird (z.B. ein konkretes Praxisbeispiel, ein Ereignis o,ä.), dass aber der inhaltliche Abstand zwischen diesem beispielhaften Problem und der meist sehr spezifischen Forschungsfrage dadurch nicht überbrückt werden kann. Kurz: es wird trotz länglichen Räsonnierens über die Relevanz nicht ausreichend begründet, warum in der Arbeit das bearbeitet wird, was bearbeitet wird. Ein klassisches Beispiel aus meiner Lehrpraxis ist folgendes:

Die Einleitung beginnt mit der Beschreibung der großen Bedeutung, die das Internet für öffentliche Kommunikation heute hat. Dabei wird auf verschiedenste Indikatoren verwiesen, etwa auf den Anteil der Internetnutzer, Umsatzzahlen von Google und Facebook und anderes. Nach etwa einer Seite, wenn dem Leser klar ist, dass das Internet eine wichtige Sache ist, folgt eine Forschungsfrage wie diese: „Vor diesem Hintergrund soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob die Berichterstattung in journalistischen Online-Medien anderen Nachrichtenwerten folgt als die Berichterstattung in herkömmlichen Medien.“

Wo ist das Problem? Das Problem ist, dass ich als Leser zuerst auf eine relativ hohe Relevanz-Klippe hinaufgeschoben wurde (das Internet ist ganz wichtig) um dann von dort oben auf die Niederungen einer konkreten Forschungsfrage herabzublicken ohne zu wissen, wie ich da hinunterkommen soll. Denn die Frage beschäftigt sich nur mit einem Teilaspekt medialer Kommunikation (dem Journalismus), nur mit einer explanativen Perspektive (Erklärung von Medieninhalten durch ein theoretisches Konzept) und auch nur mit einer von mehreren prinzipiell möglichen Theorien (Nachrichtenwerttheorie). Und die Relevanz all dieser einzelnen Aspekte ist noch überhaupt nicht begründet.

 Wenn man also eine Frage wie die im obigen Beispiel beantworten will, sollte man nicht bei Adam und Eva (dem Internet als solches) anfangen, sondern möglichst mit der Thematisierung von Problemen im gewählten Realitätsausschnitt; man kann z.B. darauf hinweisen, dass das Internet die Arbeitsbedingungen im Journalismus verändert (da gäbe es zahlreiche praktische Beispiele) und dass deshalb die Frage im Raum steht, ob sich diese strukturellen Veränderungen auch in den Inhalten niederschlagen. Dies würde relativ knapp aber trotzdem sachlich gut nachvollziehbar zur obigen Frage nach möglichen inhaltlichen Unterschieden im Online- und Offline-Journalismus führen. Dass für die Analyse ein ganz bestimmter Zugang – die Nachrichtenwerttheorie – gewählt wird, muss noch nicht bis ins Detail begründet sein, aber ein Verweis darauf, dass diese Theorie eine hierfür naheliegende und in der Forschung bereits häufiger eingesetzte ist, sollte als Relevanz-Hinweis trotzdem auch in der Einleitung stehen.

Eine kleine ad-hoc-Dimensionsanalyse der Forschungsfrage kann dabei helfen, die zentralen Aspekte zu identifizieren, die in der Forschungsfrage stecken. Und für jeden Aspekt sollte in der Einleitung dann klar gemacht werden, warum eine Beschäftigung mit ihm sinnvoll ist.

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Aus alt mach‘ neu: Zitate-Recycling

In jüngster Zeit bin ich ein paar Mal auf ein spezielles Problem mit wissenschaftlichem Zitieren gestoßen, das – auch wenn es nicht so spektakulär ist wie manche Plagiatsfälle der jüngsten Zeit – ein ernsthaftes Problem für die Qualität wissenschaftlicher Arbeit darstellt, weswegen ich es hier einmal kurz umreißen will:

In meiner kleinen Auseinandersetzung mit Stephan Eisel über die wissenschaftliche Qualität seines Buches „Internet und Demokratie“ entstand eine Kontroverse um meine Kritik daran, dass Teile seiner Darstellungen auf veralteten Quellen basierten und den aktuellen Forschungsstand weitgehend ingnorieren. Er hat darauf geantwortet, dass ein wesentlicher Teil der von ihm angegebenen Quellen aus den letzten acht Jahren stammen würde und seine Darstellungen deshalb sehr wohl aktuell seien. Ein zweites Beispiel ist eine studentische Hausarbeit, die ich kürzlich gelesen habe, in der ich für die Erläuterung theoretischer Begrifflichkeiten und Modelle eines nicht mehr ganz neuen Theorieansatzes (Framing) fast ausschließlich sehr junge Quellen aus den letzten zwei Jahren vorfand. Das hat mich auf den ersten Blick elektrisiert, weil ich den Eindruck bekam, als hätte es jüngst ganz neue Entwicklungen gegeben, die mir bisher entgangen waren. Eine Prüfung der Quellen – und zwar in beiden Fällen – hat dann aber ein anderes Bild ergeben: Es wurden jeweils zwar ganz aktuelle Publikationen herangezogen und zitiert, diese bezogen sich inhaltlich selbst wiederum aber nur auf wesentlich ältere, schon bestehende Begriffe und Befunde, ohne diesen substanziell etwas hinzuzufügen. Und damit sind zwei Probleme verbunden:

1. Die wissenschaftliche Leistung, z.B. der Begriffsdefinition von „Framing“, wird einer neueren Quelle zugesprochen, die diese Leistung aber eigentlich gar nicht erbracht hat, sondern die sich selbst wiederum nur auf ältere Quellen beruft – und diese müssten dann eigentlich korrekterweise zitiert werden.

2. Es entsteht ein unzutreffender Eindruck von der Aktualität einer Aussage: Wenn ein Autor 2011 eine Aussage aus dem Jahr 2005 zitiert, die sich wiederum aus einem Text aus dem Jahr 1999 speist, handelt es sich eben um eine Aussage mit dem Stand 1999 – wie neu das Publikationsdatum des X-ten Zitats auch sein mag.

Für solche Unsauberkeiten kann es verschiedene Gründe geben: Im Falle der Hausarbeit war es ein diffuses Gefühl des Autors, „nicht immer den gleichen alten Kram“ zitieren zu wollen, sondern möglichst aktuelle Quellen zu verwenden, um auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu arbeiten. Dabei ist aber aus dem Blick geraten, dass ein jüngeres Publikationsdatum nicht unbedingt auch mit einer jüngeren, echten „Quelle“ gleichgesetzt werden kann. Wichtiger als der Blick aufs Publikationsdatum ist es in der Wissenschaft, immer möglichst mit den „Primärquellen“ zu arbeiten, also mit den Ursprungsquellen einer Definition oder einer Aussage. Im Falle von Begriffen oder Theorien ist es eher normal, dass die Quellen etwas älter sind (in den Naturwissenschaften z.T. ja bereits ein paar hundert Jahre). Nach dem neuesten Material sollte man dagegen vor allem suchen, wenn es um den empirischen Forschungsstand geht.

Eine andere Ursache für solche Unsauberkeiten kann eine oberflächliche Arbeitsweise sein: Ein Autor sucht sich zu seinem Thema ein paar aktuelle Publikationen – z.B. aktuelle Dissertationen, die in der Regel einen Theoriebestand umfassend aufarbeiten und zugleich oft auch empirisch gehaltvoll sind. Aus diesen Arbeiten werden dann sowohl Begriffsdefinitionen wie auch empirische Befunde zitiert; den Aufwand, die Primärquellen zur Theorie zu besorgen, aufzuarbeiten und zu zitieren, spart man sich einfach. Und zuletzt kann eine solche Zitierweise natürlich auch Absicht sein, etwa um Lücken in einer Recherche oder einer Argumentation zu verdecken oder gar – was hier ausdrücklich niemandem unterstellt werden soll – ganz absichtlich den Forschungsstand zu manipulieren.

Egal aus welchen Gründen so gearbeitet wird, es entsteht daraus letztendlich nicht nur eine eher schlechte, weil wissenschaftlich mangelhaft fundierte Arbeit. Da die Relevanz wissenschaftlicher Publikationen sich heute immer stärker nach der Zahl der Zitierungen einer solchen Publikation durch andere Wissenschaftler bemisst, wird dadurch im Extremfall auch Einfluss genommen auf die in der Wissenschaft wahrgenommene Relevanz einzelner Quellen, und zwar nicht gerade zum Besseren.

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Wahnsinn mit Methode

Was das BILDblog da heute berichtet, gehört zum ungeheuerlichsten, was ich an forschungsmethodischem Unsinn je gesehen habe. In einer Auseinandersetzung zwischen den Nachrichtenagenturen dpa und dapd hat letztere versucht, die Qualität der eigenen Arbeit mit Hilfe einer quantitativen Untersuchung zu untermauern. Methodisch befindet sich diese „Untersuchung“ etwa auf dem Niveau eines Nachmittagsprojekts achtjähriger Grundschüler (die man natürlich für eine solche Leistung loben würde, ohne es ernsthaft als wissenschaftliche Untersuchung zu verkaufen); Lukas Heinser hat auf BILDblog den gesamten Irrsinn so gut beschrieben, dass ich das hier nicht nochmal wiederholen muss. Allen Interessierten, vor allem Studierenden sozialwissenschaftlicher Fächer, sei aber der atemberaubende Originalbericht, der bis jetzt (18.04. 21:20 Uhr) allen Ernstes immer noch auf der dapd-Website online steht, sehr ans Herz gelegt; sowas sieht man nicht oft. Wie die auftraggebenden Herrschaften der dapd Medien Holding so etwas zulassen können, ist mir rätselhaft, auch vor dem durchführenden Unternehmen muss man aus fachlicher Perspektive wohl dringend warnen.

„Die Einleitung schreibe ich ganz zum Schluss!“

… ist eine oft gehörte Strategie und auch ein oft gelesener Tipp in der einschlägigen Ratgeber-Literatur. Auch der anonyme Ghostwriter im kürzlichen ZEIT-online-Interview hat seine Arbeitsweise so beschrieben. Warum das sinnvoll sein kann, warum ich aber gerade Studierenden dringend davon abrate, möchte ich mal kurz darlegen:

Für die Strategie spricht, dass sich durch eine Formulierung der Einleitung am Schluss – also vor dem Hintergrund einer schon fertiggestellten Arbeit – der ganze Text gut in eine schlüssige Gesamtform bringen lässt; man kann in der Einleitung dann sehr genau das ankündigen, was am Ende auch wirklich im Text passiert. Da die Erfahrung zeigt, dass sich eine wissenschaftliche Arbeit im Zeitverlauf IMMER stark verändert und weiterentwickelt, geht das nicht so gut, wenn man die Einleitung am Anfang schreibt – und sie dann auch nie wieder anfassen würde. Allerdings ist das sowieso unrealistisch: Jede/r, der/die schon einmal eine solche Arbeit geschrieben hat, und sei es erst eine im ersten Semester, weiß natürlich, dass im Laufe der Arbeit daran viele Überarbeitungs- und Anpassungsschritte aufeinander folgen, die selbstverständlich auch immer eine Einleitung mit einbeziehen.

Selbst wenn man – in Kenntnis der Tatsache, dass die Einleitung, wenn man sie denn am Anfang schriebe, sich sowieso noch stark verändern würde – vollständig auf den Entwurf eines solchen Einleitungstextes verzichten würde, müsste man trotzdem eines auf alle Fälle erledigen: die Formulierung einer klaren Forschungsfrage, die es mit einer solchen Arbeit zu beantworten gilt. Und wer mich aus einer Lehrveranstaltung kennt, weiß, was ich mit Forschungsfrage meine: Einen Satz, der am besten mit mit einem W-Wort beginnt („Wer“, „Was“, „Wie“, „Welche …“, „Warum“, Ausnahmen natürlich möglich) und mit einem Fragezeichen endet – also eine echte Frage im Sinne der deutschen Grammatik. Sätze wie „Ich will mich mit X beschäftigen“ oder „Es soll das Phänomen Y untersucht werden“ sind KEINE ausreichenden Forschungsfragen, weil sie viel zu wenig eingrenzen und benennen, was am Ende herauskommen soll.

Und genau hier liegt das Problem im Zusammenhang mit der Frage, ob man am Anfang der Beschäftigung mit einem Thema den Aufwand einer ca. zweiseitigen Einleitung betreiben sollte. Denn wo diese Strategie für den erfahrenen Wissenschaftler oder Ghostwriter zeitsparend sein mag, führt das meiner mittlerweile langjährigen Erfahrung nach gerade bei unerfahrenen Autoren (dazu gehören Studierende während des Großteils ihres Studiums) dazu, dass damit zu oft die ausreichende Auseinandersetzung mit dem Ziel der Arbeit unterbleibt. Forschungsfragen bleiben zu oberflächlich und allgemein wie die oben beschriebenen, es wird nicht klar, wo genau das Problem liegt, warum die gewählten Theorien und das methodische Vorgehen für sinnvoll gehalten werden etc. Das sind genau die häufigen Probleme studentischer Arbeiten, die auch der zitierte anonyme Ghostwriter nennt. Und deshalb rate ich allen Autoren wissenschaftlicher Arbeiten, sich zu Beginn der Textproduktion doch zumindest an die Rohfassung einer Einleitung zu setzen, die folgende drei Elemente enthält:

1. Eine Begründung der Relevanz des (allgemeinen) Themas und AUCH der konkreten Fragestellung. Autoren sollten versuchen, potenziellen Lesern und damit auch sich selbst erst einmal klar zu machen, warum der Gegenstand eine wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigt („es ist interessant“ ist zu subjektiv und deswegen nicht ausreichend). „Gegenstand“ heißt dabei „konkrete Forschungsfrage“; sehr oft lese ich zwei Seiten dazu, warum das Internet wichtig für unsere Gesellschaft ist, um dann übergangslos eine Forschungsfrage präsentiert zu bekommen wie „… deshalb soll hier untersucht werden, weshalb Blog-Autoren das Thema X intensiver behandeln als Thema Y“ – da besteht eine riesige Argumentationslücke zwischen „Internet ist wichtig“ und „Analyse der Themen in der Blogosphäre ist wichtig“.

2. Eine klare ForschungsFRAGE, die den oben beschriebenen Kriterien entspricht; kein allgemeines Thema „… soll die Berichterstattung über X untersucht werden“, sondern eine klare Frage, auf die am Ende eine klare Antwort gegeben werden kann, z.B. “ …welche Nachrichtenfaktoren prägen die Berichterstattung über die Themen X und Y?“

3. Die Offenlegung des geplanten Vorgehens, also auf welche theoretische Basis bezieht sich der Autor/die Autorin, soll nur theoretisch oder auch empirisch vorgegangen werden, welche Methoden sollen eingesetzt werden?

Die Grundstrategie sollte also sein: Beschäftigen Sie sich zu Beginn intensiv mit der Relevanz des Themas, mit der konkreten Zielrichtung Ihrer Fragestellung und damit, wie man die Fragestellung am sinnvollsten beantworten kann. Wenn Sie Ihre Gedanken dazu zu Papier bringen, haben Sie die Einleitung praktisch schon geschrieben. Dass das Ganze unterwegs sicher noch häufiger angepasst wird (auch Forschungsfragen können sich durchaus noch ändern) und am Ende natürlich nochmal in Form gebracht wird (z.B. durch ein aktuelles Beispiel zum Einstieg), ist selbstverständlich, sollte aber keinesfalls eine intensive Auseinandersetzung am Anfang verhindern!