Open-Access als „verordneter Gezeitenwechsel“?

Der Jeaner Kollege und Geschichtswissenschaftler Norbert Frei äußert sich heute im Meinungsteil der Süddeutschen Zeitung über die Open-Access-Strategie der Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Als Geschichtswissenschaftler stammt er aus einer Fachtradition, die eher längere Zeiträume im Blick hat, in der das schnelle Publizieren neuer Erkenntnisse keine besondere Priorität hat, die häufiger in konkreten kulturellen und nationalen Kontexten forscht und die deshalb von den Entwicklungen der Digitalisierung (schnelle, globale Verfügbarkeit von Informationen) im Publikationswesen deutlich weniger profitiert als andere Fächer, etwa die Naturwissenschaften. Aus seiner Perspektive hat er Grund, gewisse Entwicklungen im Publikationswesen zu kritisieren, allerdings geht es in seinem Beitrag um diese spezifischen Probleme kaum. Drei Dinge muss man an seinem Beitrag kritisieren:

Erstens: die zum Teil unsachliche, manipulative und gehässige Argumentationsweise, die ich für unangemessen halte und die ich als politischer Kommunikationsforscher besonders kritikwürdig finde. So zitiert Norbert Frei in längeren Passagen Positionen der Bildungsministerin sowie der Piratenpartei, ohne sie inhaltlich wirklich zu widerlegen; stattdessen werden deren Argumente pauschal damit abqualifiziert, dass es sich bei letzterer um eine „im Untergang begriffene“ Partei von „Freibeutern“ handele: wer will sich schon mit diesen Verlierern solidarisieren, indem er „bei solchen Sätzen natürlich begeistert [applaudiert]“? Ebenso geht es Frau Wanka: Sie fördert so lächerliche Dinge wie „Lehrstühle für Mathematik in Afrika“ – kann man eine solche Ministerin noch ernst nehmen, wenn sie über andere Themen wie Open-Access spricht (egal, welche Argumente sie hat)? Und wie lächerlich ist eigentlich der Begriff „Grüner Weg des Open-Access„? „Grün“ im Sinne von „ökologisch“ ist Open-Access ja gar nicht automatisch; Haha! Ironische Zitate ersetzen den sachlichen Beleg und transportieren nichts außer der Drohung sozialer Isolation.

Zweitens: Absichtlich oder unabsichtlich vermengt Norbert Frei die Dimensionen „digital vs. Papier“ sowie „Journal- vs. Monographie-Publikation“ und spitzt sie darüber hinaus noch auf zwei unvereinbare Alternativen zu. Beides trifft aber nicht zu: erstens bedeutet Open-Access natürlich nicht automatisch, dass Texte nur noch online auf dem Bildschirm lesbar sind; wie Frei (in seiner eigenen Argumentation etwas widersprüchlich) selbst zugesteht, kann man alles natürlich auch ausdrucken oder parallel gar als echtes Buch mit Hardcover und Goldschnitt vertreiben, selbst auf dem „Goldenen Weg“ des Open-Access. Praktisch ist es aber nun einmal so, dass digitale Veröffentlichung die Nutzung wissenschaftlicher Texte erheblich steigert, weshalb es auch für Historiker sinnvoll ist, digitale Zugänglichkeit als zusätzlichen Zugangsweg zu fördern; jeder, der es möchte, kann seinen digitalen Text weiterhin auch gedruckt vertreiben; wie das zu organisieren ist, zeigt z.B. unsere Open-Access-Buchreihe „Digital Communication Research“ unter dem Dach der DGPuK-Fachgruppe „Digitale Kommunikation“. Dieses Beispiel zeigt außerdem, dass Open-Access für Monographien genauso funktionieren kann wie für Journals. Zwar ist richtig, dass Open-Access aufgrund der bereits existierenden Strukturen im Wissenschafts- und Publikationswesen für Journals besser organisierbar ist und die positiven Effekte (Schnelligkeit, Verbreitung, Globalität) unmittelbarer wirken können; umgekehrt sehe ich aber nicht, dass das Publizieren in Monographie-Form durch die digitale Publikationsform erschwert würde. Open-Access-Initiativen zu unterstellen, sie würden Geisteswissenschaftlern ihre traditionellen Publikationswege wegnehmen und sie zur Journal-Publikationsweise zwingen wollen, ist deshalb meiner Ansicht nach schlicht nicht begründbar (zumindest nicht mit wissenschaftsbezogenen Argumenten; aus kommerzieller Perspektive sieht das evtl. anders aus, s. dazu weiter unten).

Drittens: Das eigentliche Problem, das durch Open-Access behoben werden soll, ist die mittlerweile dramatische Behinderung der Verbreitung von Wissen durch quasi-monopolistische Großverlage, die – das beschreibt Norbert Frei ganz richtig – mit wenig eigenem Einsatz viel Geld verdienen, indem sie kostenlose Eigenleistungen von Wissenschaftlern (als Herausgeber, Autoren und Gutachter) und bereits mehrfach vom Steuerzahler finanzierten Content (als Befunde aus z.B. steuerfinanzierter Grundlagenforschung) den vom Steuerzahler finanzierten Universitäten nochmal ganz neu verkaufen, als hätten sie selbst irgendwas produziert. Frei beschreibt dieses Problem anhand der kommerziellen Open-Access-Modelle eben dieser Großverlage; diese haben dieses unanständige Geschäftsmodell aber schon vor langer Zeit in der noch analogen Publikationswelt entwickelt und perfektioniert und versuchen nun, z.T. durchaus erfolgreich, es in die digitale Welt zu transferieren. Genau an diesem Punkt müssten Debatten innerhalb der Wissenschaften eigentlich ansetzen: Wie lässt sich, mit Hilfe neuer digitaler Technologien, die Sichtbarkeit und Nutzbarkeit wissenschaftlicher Befunde erhöhen und dabei die Verschwendung von Steuergeldern stoppen?

Dabei müssten dann auch die Interessen der beteiligten Fächer und Fachkollegen transparent auf den Tisch. Zu diesen gehört, dass Geisteswissenschaftler – und darunter Historiker nicht zuletzt – nicht nur andere Publikationstraditionen haben, sondern mit ihren Büchern häufiger auch außerhalb des kleinen Kreises von Fachwissenschaftlern ein größeres Publikum erreichen. Damit haben sie auch ein stärkeres kommerzielles Interesse an Buchpublikationen und den Vertriebsstrukturen klassischer Verlage als Forscher aus anderen Fächern: Die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler verdient so oder so nichts an ihren Publikationen. Auch das würde zur Ehrlichkeit der Debatte gehören.

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